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Angeschaut: „Your Name“ – ein gutes Rezept gegen das Winterwetter

Angeschaut: „Your Name“ – ein gutes Rezept gegen das Winterwetter
Einer der erfolgreichsten Anime-Filme aller Zeiten, der bereits Ghiblis „Chihiro“ entthronte, ist seit Kurzem in deutschen Kinos zu sehen. Fans wie Kritiker sind begeistert, die Umsätze an den Kassen und Preisnominierungen sprengen alle Rekorde. Was macht Your Name so besonders?
Man könnte einen Artikel zu Your Name mit vielen Superlativen beginnen. Etwa mit einer ausführlichen Vorstellung des Regisseurs Makoto Shinkai, der sich bereits vor Your Name mit mehreren gefeierten Produktionen wie Five Centimeters Per Second oder Voices of a Distant Star einen Namen (Wortspiel beabsichtigt!) in der Animationsszene machte. Ein meisterhafter Erzähler, der immer wieder menschliche Beziehungen mit phantastischen Elementen in seinen Handlungen verwebt und bereits als neuer Hayao Miyazaki gefeiert wird (was er bescheiden abstreitet).
Oder man könnte den kommerziellen Erfolg hervorheben: Seit der Premiere im Juli 2016 hat der Film weltweit 355 Millionen Dollar eingespielt und ist damit der erfolgreichste Anime überhaupt. Zahlreiche Preisverleihungen gingen mit dem Erfolg einher, unter anderem der Filmkritikerpreis Los Angeles 2016 und zwei Nominierungen für Hollywoods „Animations-Oscar“ Annie 2017. Man könnte aber auch alle Bombastik ignorieren und Your Name auf seinen Kern reduzieren: Eine wunderschön erzählte, berührende Sci-Fantasy-Coming of Age-Mystik-Action-Romanzen-Katastrophen-Komödie. Moment, was?!
Story
Die Teenagerin Mitsuha lebt in der Kleinstadt Itomori in der japanischen Provinz. Ihr Leben ist beschaulich bis langweilig: Sie geht zur Schule, lernt Weben mit ihrer Großmutter und ihr Vater, der örtliche Bürgermeister, wird regelmäßig wiedergewählt. Für eine Jugendliche wie sie ein todlangweiliges Dasein. Lieber möchte sie in einer aufregenden Großstadt wie Tokio wohnen. Eines Tages sprechen ihre Mitmenschen sie auf ein höchst seltsames Verhalten an: Vor einigen Tagen habe sie sich merkwürdig burschikos verhalten, ihre Haare nicht gekämmt, ihren Schulweg vergessen und Ähnliches. Doch Mitsuha kann sich an nichts davon erinnern, bis sie in ihrem Notizbuch in einer anderen Handschrift den Eintrag „Wer bist du?“ findet.
In der japanischen Hauptstadt Tokio lebt der jugendliche Taki ein hektisches Leben. Seinen Vater sieht er nur zum Frühstück, nach der Schule geht er meist einem Nebenjob als Kellner nach. Seine Hobbys beschränken sich auf das Kaffeetrinken mit seinen Kumpels Tsukasa und Shinta und das Verliebtsein in seine Kollegin Miki Okudera. Doch als er sich eines Tages ungewöhnlich feminin verhält, weibliche Redeformen benutzt und sogar einen Schnitt in Okuderas Rock flickt, kommt etwas Abwechslung in Takis Alltag.
Schnell finden die beiden Teenager heraus, dass sie gelegentlich die Körper tauschen. Dabei haben sie sich nie gesehen, die Kommunikation zwischen den beiden erfolgt über Einträge im Tagebuch des jeweils anderen. Als der Körpertausch irgendwann abrupt aufhört, sorgen sich die beiden allerdings um ihren erzwungenen Partner. Während Mitsuha das örtliche Herbstfest besucht, hat Taki ein (wenig erfolgreiches) Date mit Okudera. Beide Protagonisten beobachten an diesem Abend ein einzigartiges Naturschauspiel. Als kurz darauf immer noch kein Körpertausch stattfindet, begibt sich Taki zusammen mit Tsukasa und Okudera auf die Suche nach Mitsuhas Heimatort, dessen Namen er nicht einmal kennt. Nur anhand von Skizzen aus Erinnerungen fragt er sich in der Provinz durch, bis er einen Koch aus Itomori trifft, der Takis Landschaftsbilder wiedererkennt…
Ab hier Spoiler – Achtung, großer Plottwist!
…doch beim Namen Itomori ahnen Tsukasa, Okudera und der Koch Schreckliches. Sie begeben sich an den Ort, der vollständig abgeriegelt ist und erkennen lediglich zwei riesige Krater. Vor drei Jahren war der Komet Tiamat beim Vorbeiflug an der Erde auseinandergebrochen, dabei traf ein Splitter die Stadt Itomori, die größtenteils vernichtet und vom nahe gelegenen See überflutet wurde. Ein Drittel der Bewohner starben, unter anderem auch Mitsuha. Alle Aufzeichnungen, die Taki über Mitsuha gemacht hatte, verschwinden, ebenso wie seine Erinnerungen an sie, nach und nach. War alles nur Einbildung?
Taki ist erschüttert über diese Möglichkeit, begibt sich jedoch alleine weiter auf die Suche nach einem Weg, Mitsuha in der Vergangenheit zu kontaktieren. Tatsächlich findet er außerhalb der Stadt einen Schrein, in dem Mitsuha, ihre kleine Schwester sowie ihre Großmutter vor drei Jahren selbstgemachten Sake (Reisschnaps) als Opfergabe für die Götter hinterließen. Taki trinkt den Sake, erwacht in Mitsuhas Körper und startet eine tollkühne Aktion mit Mitsuhas Freunden, um die Bewohner von Itomori zu retten. Doch als der Plan kurz vor dem Einschlag zu scheitern droht, begegnen sich Mitsuha und Taki endlich…
…doch beim Namen Itomori ahnen Tsukasa, Okudera und der Koch Schreckliches. Sie begeben sich an den Ort, der vollständig abgeriegelt ist und erkennen lediglich zwei riesige Krater. Vor drei Jahren war der Komet Tiamat beim Vorbeiflug an der Erde auseinandergebrochen, dabei traf ein Splitter die Stadt Itomori, die größtenteils vernichtet und vom nahe gelegenen See überflutet wurde. Ein Drittel der Bewohner starben, unter anderem auch Mitsuha. Alle Aufzeichnungen, die Taki über Mitsuha gemacht hatte, verschwinden, ebenso wie seine Erinnerungen an sie, nach und nach. War alles nur Einbildung?
Taki ist erschüttert über diese Möglichkeit, begibt sich jedoch alleine weiter auf die Suche nach einem Weg, Mitsuha in der Vergangenheit zu kontaktieren. Tatsächlich findet er außerhalb der Stadt einen Schrein, in dem Mitsuha, ihre kleine Schwester sowie ihre Großmutter vor drei Jahren selbstgemachten Sake (Reisschnaps) als Opfergabe für die Götter hinterließen. Taki trinkt den Sake, erwacht in Mitsuhas Körper und startet eine tollkühne Aktion mit Mitsuhas Freunden, um die Bewohner von Itomori zu retten. Doch als der Plan kurz vor dem Einschlag zu scheitern droht, begegnen sich Mitsuha und Taki endlich…

Spiritualität und Slapstick
Drei japanische Begriffe, die sich dem westlichen Publikum nicht sofort erschließen, sind essentiell für den spirituell angehauchten Plot Twist von Your Name. Kuchikamizake, „Göttermund-Sake“, ist ein Reisschnaps, der in diesem Fall aus zerkautem und mit Speichel vermischtem Reis hergestellt wird. Die Enzyme aus dem menschlichen Speichel spalten die Kohlenhydrate im Reis, der flüssige Brei fermentiert zu Alkohol. Ein Vorgang, den Mitsuhas Mitschüler abstoßend finden, der aber für eine noch engere, körperliche Bindung zwischen Taki und Mitsuha steht. Indem er den Sake trinkt, hat Taki streng genommen den ersten körperlichen Kontakt zu Mitsuha.
Makoto Shinkhai, Foto von Ilya Voyager, CC BY-SA 3.0
Ein sehr intimer Moment, doch Regisseur Shinkai betont in dieser Szene eher die spirituelle statt der sexuellen Intimität. Kataware, ein regionaler Dialektbegriff für das Zwielicht, wird von Mitsuhas Lehrerin erklärt. In dem kurzen Moment, in dem sich Tag und Nacht treffen, verschwimmen der Legende nach die Grenzen zwischen den Welten. Erst durch diese Erkenntnis versteht man den Schlüsselmoment zum Höhepunkt des Films. Und als vermutlich wichtigstes Element des Films wird das Konzept des Musubi präsentiert. Mitsuhas Großmutter Hitoha erklärt diese vielschichtige Idee auf dem Weg zum Schrein. Ein Wort mit vielen Bedeutungen, das man aber mit dem vagen Begriff „Verbundenheit“ zusammenfassen kann. Dazu passt sehr gut Hitohas Rolle als Weberin. Das in Itomori seit Jahrhunderten ausgeübte Handwerk, das Mitsuha von ihrer Oma erlernt und das ebenfalls einen religiösen Bezug hat, steht als Metapher sowohl für die Beziehungen von Menschen untereinander (wie Taki und Mitsuha) als auch für die Verbundenheit der menschlichen und der göttlichen Welt.
Das alles klingt erst einmal sehr bedeutungsschwer, doch Your Name hält sich nicht mit pseudointellektueller Tiefgründigkeit auf. Der Film reißt mit durch seine gefühlvolle, heitere Leichtigkeit, die man von einer Coming-of-Age-Komödie erwarten würde. Dabei verfällt Your Name aber zu keinem Zeitpunkt in bloße Comedy. Stattdessen spielen die Slapstick-Einlagen zu Beginn clever mit Geschlechterklischees, als Mitsuha!Taki versehentlich das feminine „watashi“ anstatt des maskulinen „ore“ (beides Wörter für „ich“) benutzt oder ein niedliches Tiermotiv auf Okuderas Rock näht. Taki!Mitsuha indes zeigt ihre burschikose Seite, als sie ihren Freunden Tesshi und Sayaka ein Cafemobiliar zimmert und im Sportunterricht zu Höchstleistungen aufläuft, was darin gipfelt, dass eine Mitschülerin ihr einen Liebesbrief überreicht. Höchst amüsant ist auch der Running Gag, dass Taki!Mitsuha regelmäßig von ihrer jüngeren Schwester dabei ertappt wird, wie sie ihre „eigenen“ Brüste begrapscht.
Wie wirkt es sich eigentlich auf die Identität eines Teenagers aus, wenn man gelegentlich eine Frau im Männerkörper oder Mann im Frauenkörper ist? Your Name verfolgt diese Frage nicht weiter zugunsten des im zweiten Akt wichtigeren phantastischen Elements.

Neben Mann und Frau, Yin und Yang, wiegt die Handlung noch weitere Gegensätze auf: Der Handlungsort etwa, Großstadt gegen Provinz, Menschengedränge gegen ländliche Freiräume. Das turbulente Leben in Tokio, das Mitsuha so fasziniert, lässt Taki hinter sich, um sprichwörtlich auf dem Land verlorenzugehen. Dass die Natur eine Form von Spiritualität bietet, die im durchgetakteten und maschinengesteuerten Großstadtalltag nicht zu finden ist, ist eines der großen Leitmotive des Films und, wenn man sich Animes wie Arjuna oder Prinzessin Mononoke anschaut, auch oft ein Sehnsuchtsort japanischer Fiktion.
Es ist kein Zufall, dass der 43-jährige Makoto Shinkai bewusst auf jugendliche Protagonisten gesetzt hat. Das durch die Handlung hinweg auf Mitsuha und Taki fokussierte Charakterspiel um Vergessen, Erinnern und Suchen deutet auf die große Frage der Pubertät hin: Ich suche etwas, aber was ist es? Diese Phase, die jeder von uns einmal durchgemacht hat, kommt in Your Name besonders schön durch die Beziehungen der beiden Hauptfiguren zu den erwachsenen Charakteren zur Geltung. Takis Vater hat weniger als zehn Sekunden Spielzeit, nicht einmal einen Namen, sorgt sich nicht um seinen Sohn, der äußerst eigenständig zur Schule geht, arbeitet und mal eben mehrere Tage aufs Land verschwindet. Mitsuhas Vater dient vor allem als Widersacher, der dem jugendlichen Idealismus erwachsene Nüchternheit entgegensetzt. Seine tragische Vergangenheit als desillusionierter Ex-Priester, der sein Trauma in der bürokratischen Welt der Lokalpolitik zu heilen versucht, zeigt den jugendlichen Helden (und dem Publikum!), dass manche Lebensziele brutal scheitern. Dass er sich dennoch dem jugendlichen Optimismus beugt, unterstreicht natürlich die Grundhaltung des Films: Träume sind gut, und es lohnt sich zu kämpfen!

Spoiler: Teenager-Idealismus und Schicksal
Interessant ist, dass sowohl Mitsuha als auch Taki keine Mutter haben. Taki sucht einen Ersatz in Okudera, was letztlich nicht ganz aufgeht, während Mitsuha vor allem von ihrer Großmutter geleitet wird. Und es hat nicht nur einen rein sentimentalen Wert, dass Hitoha ihre beiden Enkelinnen nach dem Tod ihrer Tochter aufnahm. Die Frauen der Miyamizu-Familie hüten nicht nur seit Generationen den örtlichen Schrein. Scheinbar hat auch jede einzelne von ihnen (laut Hitoha) Körpertausch-Erfahrungen gemacht, was Mitsuha zu einer auserkorenen Heldin erhöht (sie vermutet ja sogar selbst, dass ihr diese Fähigkeit vererbt wurde, damit sie die Bürger von Itomori retten kann).
Und jeder Held braucht einen Widersacher. Hier ist es der Komet Tiamat, der im spirituellen Gewebe des Musubi die Rolle des willkürlichen und grausamen Gottes spielt. Vor 1200 Jahren, bei seinem letzten Besuch, schuf Tiamat den Krater, in dem Itomori heute liegt. Jetzt, bei seiner erneuten Rückkehr, löscht der Himmelskörper seine Schöpfung aus. Diese Dualität als Schöpfer- und Zerstörergottheit ist bereits am Namen abzulesen. Regisseur Shinkai verweist hier clever auf den babylonischen Schöpfungsmythos Enuma Elish: Dort ist Tiamat eine Urgöttin der Schöpfung, die nach dem Tod ihres Gemahls Abzu mörderische Rache schwört. Dass die Bedrohung durch eine Naturgewalt kommt, statt durch einen Schurken, den man bekämpfen könnte, ist natürlich auch ein sehr japanisches Motiv. Das Land ist seit Jahrtausenden den Elementen ausgesetzt: Wirbelstürme, Tsunamis und Erdbeben kosteten in der japanischen Geschichte immer wieder unzählige Menschenleben. Ab dem 20. Jahrhundert kam noch die nukleare Bedrohung hinzu: die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki sowie in jüngster Geschichte der Reaktorunfall von Fukushima. Das Leben mit diesen ständigen Bedrohungen hat sich tief in die japanische Psyche eingegraben und finden sich dementsprechend oft in kulturellen Erzeugnissen wieder. Zu behaupten, dass Makoto Shinkai eine Allegorie auf Fukushima präsentieren wollte, wäre aber zu weit gegriffen. Your Name ist ein Film über die Beziehung zweier Menschen zueinander, kein reiner Katastrophenfilm. Dennoch schwingt in der emotional bedrückenden Szene, in der der Kometeneinschlag abrupt hunderte Menschenleben vernichtet, auch ein Stück japanischer Geschichte mit.
Insofern ist die Zerstörung Itomoris unvermeidlich, Zeitsprünge hin oder her. Nur die Menschen können gerettet werden, wodurch Mitsuha ihre Bestimmung erfüllt. Es mag zwar so wirken, als ob Taki ab der zweiten Filmhälfte die handelnde Figur sei, während Mitsuha gefangen in einem furchtbaren Schicksal der Rettung harrt. Dieses Klischee vermeidet Your Name aber bewusst. Betrachtet man die Rückblenden, so erkennt man deutlich, dass Mitsuha – ob gezielt oder unbeabsichtigt – schon viel früher als Taki aktiv wird: Indem sie ihn etwa in ihrer eigenen Zeitebene besucht und dem fremden Jungen ihr Haarband schenkt. Aus einer scheinbaren Laune heraus beschließt er, es zukünftig am Handgelenk zu tragen. Später bereitet sie den geweihten Sake zu, welcher einer schamanischen Droge gleich, Taki einen letzten Körpersprung ermöglicht. Die Hinweise auf Itomori, das Taki durch die Amnesie der Zeitverschiebung nur aus Skizzen kennt, all diese durch den Zeitfluss verstreuten Spuren, ermöglichen am Ende das Zusammenspiel von Taki und Mitsuha. Selbst der Verlust ihrer Erinnerung an den geliebten Menschen kann sie am Ende nicht mehr aufhalten. Die Verhinderung einer großen Katastrophe durch Teamwork – kann es ein schöneres Ende für eine Fantasy-Geschichte geben?

Interessant ist, dass sowohl Mitsuha als auch Taki keine Mutter haben. Taki sucht einen Ersatz in Okudera, was letztlich nicht ganz aufgeht, während Mitsuha vor allem von ihrer Großmutter geleitet wird. Und es hat nicht nur einen rein sentimentalen Wert, dass Hitoha ihre beiden Enkelinnen nach dem Tod ihrer Tochter aufnahm. Die Frauen der Miyamizu-Familie hüten nicht nur seit Generationen den örtlichen Schrein. Scheinbar hat auch jede einzelne von ihnen (laut Hitoha) Körpertausch-Erfahrungen gemacht, was Mitsuha zu einer auserkorenen Heldin erhöht (sie vermutet ja sogar selbst, dass ihr diese Fähigkeit vererbt wurde, damit sie die Bürger von Itomori retten kann).
Und jeder Held braucht einen Widersacher. Hier ist es der Komet Tiamat, der im spirituellen Gewebe des Musubi die Rolle des willkürlichen und grausamen Gottes spielt. Vor 1200 Jahren, bei seinem letzten Besuch, schuf Tiamat den Krater, in dem Itomori heute liegt. Jetzt, bei seiner erneuten Rückkehr, löscht der Himmelskörper seine Schöpfung aus. Diese Dualität als Schöpfer- und Zerstörergottheit ist bereits am Namen abzulesen. Regisseur Shinkai verweist hier clever auf den babylonischen Schöpfungsmythos Enuma Elish: Dort ist Tiamat eine Urgöttin der Schöpfung, die nach dem Tod ihres Gemahls Abzu mörderische Rache schwört. Dass die Bedrohung durch eine Naturgewalt kommt, statt durch einen Schurken, den man bekämpfen könnte, ist natürlich auch ein sehr japanisches Motiv. Das Land ist seit Jahrtausenden den Elementen ausgesetzt: Wirbelstürme, Tsunamis und Erdbeben kosteten in der japanischen Geschichte immer wieder unzählige Menschenleben. Ab dem 20. Jahrhundert kam noch die nukleare Bedrohung hinzu: die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki sowie in jüngster Geschichte der Reaktorunfall von Fukushima. Das Leben mit diesen ständigen Bedrohungen hat sich tief in die japanische Psyche eingegraben und finden sich dementsprechend oft in kulturellen Erzeugnissen wieder. Zu behaupten, dass Makoto Shinkai eine Allegorie auf Fukushima präsentieren wollte, wäre aber zu weit gegriffen. Your Name ist ein Film über die Beziehung zweier Menschen zueinander, kein reiner Katastrophenfilm. Dennoch schwingt in der emotional bedrückenden Szene, in der der Kometeneinschlag abrupt hunderte Menschenleben vernichtet, auch ein Stück japanischer Geschichte mit.
Insofern ist die Zerstörung Itomoris unvermeidlich, Zeitsprünge hin oder her. Nur die Menschen können gerettet werden, wodurch Mitsuha ihre Bestimmung erfüllt. Es mag zwar so wirken, als ob Taki ab der zweiten Filmhälfte die handelnde Figur sei, während Mitsuha gefangen in einem furchtbaren Schicksal der Rettung harrt. Dieses Klischee vermeidet Your Name aber bewusst. Betrachtet man die Rückblenden, so erkennt man deutlich, dass Mitsuha – ob gezielt oder unbeabsichtigt – schon viel früher als Taki aktiv wird: Indem sie ihn etwa in ihrer eigenen Zeitebene besucht und dem fremden Jungen ihr Haarband schenkt. Aus einer scheinbaren Laune heraus beschließt er, es zukünftig am Handgelenk zu tragen. Später bereitet sie den geweihten Sake zu, welcher einer schamanischen Droge gleich, Taki einen letzten Körpersprung ermöglicht. Die Hinweise auf Itomori, das Taki durch die Amnesie der Zeitverschiebung nur aus Skizzen kennt, all diese durch den Zeitfluss verstreuten Spuren, ermöglichen am Ende das Zusammenspiel von Taki und Mitsuha. Selbst der Verlust ihrer Erinnerung an den geliebten Menschen kann sie am Ende nicht mehr aufhalten. Die Verhinderung einer großen Katastrophe durch Teamwork – kann es ein schöneres Ende für eine Fantasy-Geschichte geben?

Shinkais Erfolgsrezept
Makoto Shinkai hat schon in früheren Werken bewiesen, dass er ein Händchen für die Darstellung zwischenmenschlicher Beziehungen hat. Das allein erklärt nicht den phänomenalen Erfolg von Your Name, aber es ist sicher einer der wichtigsten Gründe dafür, warum der Film ein Millionenpublikum weltweit begeistert. Der Film funktioniert auf mehreren Ebenen, spricht sowohl Freunde von Phantastik und Anime als auch genreuninteressierte Gelegenheitszuschauer an. Wer mit Comedy nichts anfangen kann, findet später spirituellen Tiefgang, wem die übernatürlichen Elemente zu abgedreht sind, kann sich an den vielschichtigen und liebenswerten Charakteren erfreuen und wer sich von typischen Anime-Storyklischees abgestumpft fühlt, den erwartet hier eine etwas bodenständigere, erwachsenere Handlung. Apropos erwachsen, Your Name spricht auch deshalb so viele Zuschauer über 18 an, weil sich diese noch gut an die Irrungen und Wirrungen der Pubertät erinnern können.
Trotzdem ist der Film für die ganze Familie geeignet. Shinkai vermeidet platte Schockeffekte, Gewalt- oder Sexdarstellungen, die in einem derart gefühlvollen Film sowieso fehl am Platz wären. Dementsprechend gab die FSK Your Name ab 6 Jahren frei. Den Film richtig genießen kann man aber erst dann, wenn man zumindest Mitsuhas und Takis Alter erreicht hat.
Die harten Fakten:

Titel: Kimi no na wa / 君の名は。(Original), Your Name (Englisch), Your Name. – Gestern, heute und für immer (Deutsch)
Regie: Makoto Shinkai
Sprecher: Mitsuha – Mone Kamishiraishi (J)/Stephanie Sheh (E)/Laura Jenni (D), Taki – Ryunosuke Kamiki (J)/Michael Sinterniklaas (E)/Maximilian Belle (D), Okudera – Masami Nagasawa (J)/Laura Post (E)/Laura Maire (D), Hitoha – Etsuko Ichihara (J)/Glynis Ellis (E)/Eva-Maria Lahl (D) et al.
Erscheinungsjahr: 2016
Sprache: Japanisch (rezensierte Version), Englisch, Deutsch
Format: Kinofilm, ab Mai 2018 erhältlich auf DVD
Preis: Ticketpreise variieren, DVD ca. 17 Euro

 
Fazit
Anime ist nicht für jeden westlichen Zuschauer ein leicht zugängliches Genre. Die Zeichnungen, die so fernab von Disney- oder Marvel/DC-Optik scheinen, japanischer Humor oder gänzlich abgedrehte Charaktere schrecken viele Neulinge ab. Your Name ist hingegen ein hervorragender Einstieg für jeden, der mal in japanische Animation hineinschnuppern will. Wer gänzlich uninteressiert an animierten Filmen ist, kommt auch auf seine Kosten, und der Hardcore-Otaku, der scheinbar schon alles kennt, was japanische Studios in den letzten Jahrzehnten produzierten, wird hier vielleicht eine angenehme Überraschung erleben. Diese Erfolgsgeschichte ging nicht spurlos an Hollywood vorbei, wo man bereits J.J. Abrams verpflichtet hat, um mit einem Remake ein Stück vom Kuchen abzukriegen.
Ob dem Star Trek– und Star Wars-Regisseur es gelingt, diesen doch sehr japanischen Stoff in westliches Realfilmformat zu übertragen oder ob daraus eine Klamotte a la Freaky Friday wird, bleibt abzuwarten. In jedem Fall ist Makoto Shinkais jüngstes Werk ein bunter, optimistischer und gefühlvoller Film, also genau das, was man im trüben Winterwetter braucht. Anschauen!

Artikelbilder: Universum Film, Toho Ltd. , Bearbeitung: Verena Bach
Der Eintritt zu diesem Film wurde durch die Einnahmen des Patreon-Projektes finanziert.
 

Einer der erfolgreichsten Anime-Filme aller Zeiten, der bereits Ghiblis „Chihiro“ entthronte, ist seit Kurzem in deutschen Kinos zu sehen. Fans wie Kritiker sind begeistert, die Umsätze an den Kassen und Preisnominierungen sprengen alle Rekorde. Was macht Your Name so besonders?
Man könnte einen Artikel zu Your Name mit vielen Superlativen beginnen. Etwa mit einer ausführlichen Vorstellung des Regisseurs Makoto Shinkai, der sich bereits vor Your Name mit mehreren gefeierten Produktionen wie Five Centimeters Per Second oder Voices of a Distant Star einen Namen (Wortspiel beabsichtigt!) in der Animationsszene machte. Ein meisterhafter Erzähler, der immer wieder menschliche Beziehungen mit phantastischen Elementen in seinen Handlungen verwebt und bereits als neuer Hayao Miyazaki gefeiert wird (was er bescheiden abstreitet).
Oder man könnte den kommerziellen Erfolg hervorheben: Seit der Premiere im Juli 2016 hat der Film weltweit 355 Millionen Dollar eingespielt und ist damit der erfolgreichste Anime überhaupt. Zahlreiche Preisverleihungen gingen mit dem Erfolg einher, unter anderem der Filmkritikerpreis Los Angeles 2016 und zwei Nominierungen für Hollywoods „Animations-Oscar“ Annie 2017. Man könnte aber auch alle Bombastik ignorieren und Your Name auf seinen Kern reduzieren: Eine wunderschön erzählte, berührende Sci-Fantasy-Coming of Age-Mystik-Action-Romanzen-Katastrophen-Komödie. Moment, was?!
Story
Die Teenagerin Mitsuha lebt in der Kleinstadt Itomori in der japanischen Provinz. Ihr Leben ist beschaulich bis langweilig: Sie geht zur Schule, lernt Weben mit ihrer Großmutter und ihr Vater, der örtliche Bürgermeister, wird regelmäßig wiedergewählt. Für eine Jugendliche wie sie ein todlangweiliges Dasein. Lieber möchte sie in einer aufregenden Großstadt wie Tokio wohnen. Eines Tages sprechen ihre Mitmenschen sie auf ein höchst seltsames Verhalten an: Vor einigen Tagen habe sie sich merkwürdig burschikos verhalten, ihre Haare nicht gekämmt, ihren Schulweg vergessen und Ähnliches. Doch Mitsuha kann sich an nichts davon erinnern, bis sie in ihrem Notizbuch in einer anderen Handschrift den Eintrag „Wer bist du?“ findet.
In der japanischen Hauptstadt Tokio lebt der jugendliche Taki ein hektisches Leben. Seinen Vater sieht er nur zum Frühstück, nach der Schule geht er meist einem Nebenjob als Kellner nach. Seine Hobbys beschränken sich auf das Kaffeetrinken mit seinen Kumpels Tsukasa und Shinta und das Verliebtsein in seine Kollegin Miki Okudera. Doch als er sich eines Tages ungewöhnlich feminin verhält, weibliche Redeformen benutzt und sogar einen Schnitt in Okuderas Rock flickt, kommt etwas Abwechslung in Takis Alltag.
Schnell finden die beiden Teenager heraus, dass sie gelegentlich die Körper tauschen. Dabei haben sie sich nie gesehen, die Kommunikation zwischen den beiden erfolgt über Einträge im Tagebuch des jeweils anderen. Als der Körpertausch irgendwann abrupt aufhört, sorgen sich die beiden allerdings um ihren erzwungenen Partner. Während Mitsuha das örtliche Herbstfest besucht, hat Taki ein (wenig erfolgreiches) Date mit Okudera. Beide Protagonisten beobachten an diesem Abend ein einzigartiges Naturschauspiel. Als kurz darauf immer noch kein Körpertausch stattfindet, begibt sich Taki zusammen mit Tsukasa und Okudera auf die Suche nach Mitsuhas Heimatort, dessen Namen er nicht einmal kennt. Nur anhand von Skizzen aus Erinnerungen fragt er sich in der Provinz durch, bis er einen Koch aus Itomori trifft, der Takis Landschaftsbilder wiedererkennt…
Ab hier Spoiler – Achtung, großer Plottwist!
…doch beim Namen Itomori ahnen Tsukasa, Okudera und der Koch Schreckliches. Sie begeben sich an den Ort, der vollständig abgeriegelt ist und erkennen lediglich zwei riesige Krater. Vor drei Jahren war der Komet Tiamat beim Vorbeiflug an der Erde auseinandergebrochen, dabei traf ein Splitter die Stadt Itomori, die größtenteils vernichtet und vom nahe gelegenen See überflutet wurde. Ein Drittel der Bewohner starben, unter anderem auch Mitsuha. Alle Aufzeichnungen, die Taki über Mitsuha gemacht hatte, verschwinden, ebenso wie seine Erinnerungen an sie, nach und nach. War alles nur Einbildung?
Taki ist erschüttert über diese Möglichkeit, begibt sich jedoch alleine weiter auf die Suche nach einem Weg, Mitsuha in der Vergangenheit zu kontaktieren. Tatsächlich findet er außerhalb der Stadt einen Schrein, in dem Mitsuha, ihre kleine Schwester sowie ihre Großmutter vor drei Jahren selbstgemachten Sake (Reisschnaps) als Opfergabe für die Götter hinterließen. Taki trinkt den Sake, erwacht in Mitsuhas Körper und startet eine tollkühne Aktion mit Mitsuhas Freunden, um die Bewohner von Itomori zu retten. Doch als der Plan kurz vor dem Einschlag zu scheitern droht, begegnen sich Mitsuha und Taki endlich…
…doch beim Namen Itomori ahnen Tsukasa, Okudera und der Koch Schreckliches. Sie begeben sich an den Ort, der vollständig abgeriegelt ist und erkennen lediglich zwei riesige Krater. Vor drei Jahren war der Komet Tiamat beim Vorbeiflug an der Erde auseinandergebrochen, dabei traf ein Splitter die Stadt Itomori, die größtenteils vernichtet und vom nahe gelegenen See überflutet wurde. Ein Drittel der Bewohner starben, unter anderem auch Mitsuha. Alle Aufzeichnungen, die Taki über Mitsuha gemacht hatte, verschwinden, ebenso wie seine Erinnerungen an sie, nach und nach. War alles nur Einbildung?
Taki ist erschüttert über diese Möglichkeit, begibt sich jedoch alleine weiter auf die Suche nach einem Weg, Mitsuha in der Vergangenheit zu kontaktieren. Tatsächlich findet er außerhalb der Stadt einen Schrein, in dem Mitsuha, ihre kleine Schwester sowie ihre Großmutter vor drei Jahren selbstgemachten Sake (Reisschnaps) als Opfergabe für die Götter hinterließen. Taki trinkt den Sake, erwacht in Mitsuhas Körper und startet eine tollkühne Aktion mit Mitsuhas Freunden, um die Bewohner von Itomori zu retten. Doch als der Plan kurz vor dem Einschlag zu scheitern droht, begegnen sich Mitsuha und Taki endlich…

Spiritualität und Slapstick
Drei japanische Begriffe, die sich dem westlichen Publikum nicht sofort erschließen, sind essentiell für den spirituell angehauchten Plot Twist von Your Name. Kuchikamizake, „Göttermund-Sake“, ist ein Reisschnaps, der in diesem Fall aus zerkautem und mit Speichel vermischtem Reis hergestellt wird. Die Enzyme aus dem menschlichen Speichel spalten die Kohlenhydrate im Reis, der flüssige Brei fermentiert zu Alkohol. Ein Vorgang, den Mitsuhas Mitschüler abstoßend finden, der aber für eine noch engere, körperliche Bindung zwischen Taki und Mitsuha steht. Indem er den Sake trinkt, hat Taki streng genommen den ersten körperlichen Kontakt zu Mitsuha.
Makoto Shinkhai, Foto von Ilya Voyager, CC BY-SA 3.0
Ein sehr intimer Moment, doch Regisseur Shinkai betont in dieser Szene eher die spirituelle statt der sexuellen Intimität. Kataware, ein regionaler Dialektbegriff für das Zwielicht, wird von Mitsuhas Lehrerin erklärt. In dem kurzen Moment, in dem sich Tag und Nacht treffen, verschwimmen der Legende nach die Grenzen zwischen den Welten. Erst durch diese Erkenntnis versteht man den Schlüsselmoment zum Höhepunkt des Films. Und als vermutlich wichtigstes Element des Films wird das Konzept des Musubi präsentiert. Mitsuhas Großmutter Hitoha erklärt diese vielschichtige Idee auf dem Weg zum Schrein. Ein Wort mit vielen Bedeutungen, das man aber mit dem vagen Begriff „Verbundenheit“ zusammenfassen kann. Dazu passt sehr gut Hitohas Rolle als Weberin. Das in Itomori seit Jahrhunderten ausgeübte Handwerk, das Mitsuha von ihrer Oma erlernt und das ebenfalls einen religiösen Bezug hat, steht als Metapher sowohl für die Beziehungen von Menschen untereinander (wie Taki und Mitsuha) als auch für die Verbundenheit der menschlichen und der göttlichen Welt.
Das alles klingt erst einmal sehr bedeutungsschwer, doch Your Name hält sich nicht mit pseudointellektueller Tiefgründigkeit auf. Der Film reißt mit durch seine gefühlvolle, heitere Leichtigkeit, die man von einer Coming-of-Age-Komödie erwarten würde. Dabei verfällt Your Name aber zu keinem Zeitpunkt in bloße Comedy. Stattdessen spielen die Slapstick-Einlagen zu Beginn clever mit Geschlechterklischees, als Mitsuha!Taki versehentlich das feminine „watashi“ anstatt des maskulinen „ore“ (beides Wörter für „ich“) benutzt oder ein niedliches Tiermotiv auf Okuderas Rock näht. Taki!Mitsuha indes zeigt ihre burschikose Seite, als sie ihren Freunden Tesshi und Sayaka ein Cafemobiliar zimmert und im Sportunterricht zu Höchstleistungen aufläuft, was darin gipfelt, dass eine Mitschülerin ihr einen Liebesbrief überreicht. Höchst amüsant ist auch der Running Gag, dass Taki!Mitsuha regelmäßig von ihrer jüngeren Schwester dabei ertappt wird, wie sie ihre „eigenen“ Brüste begrapscht.
Wie wirkt es sich eigentlich auf die Identität eines Teenagers aus, wenn man gelegentlich eine Frau im Männerkörper oder Mann im Frauenkörper ist? Your Name verfolgt diese Frage nicht weiter zugunsten des im zweiten Akt wichtigeren phantastischen Elements.

Neben Mann und Frau, Yin und Yang, wiegt die Handlung noch weitere Gegensätze auf: Der Handlungsort etwa, Großstadt gegen Provinz, Menschengedränge gegen ländliche Freiräume. Das turbulente Leben in Tokio, das Mitsuha so fasziniert, lässt Taki hinter sich, um sprichwörtlich auf dem Land verlorenzugehen. Dass die Natur eine Form von Spiritualität bietet, die im durchgetakteten und maschinengesteuerten Großstadtalltag nicht zu finden ist, ist eines der großen Leitmotive des Films und, wenn man sich Animes wie Arjuna oder Prinzessin Mononoke anschaut, auch oft ein Sehnsuchtsort japanischer Fiktion.
Es ist kein Zufall, dass der 43-jährige Makoto Shinkai bewusst auf jugendliche Protagonisten gesetzt hat. Das durch die Handlung hinweg auf Mitsuha und Taki fokussierte Charakterspiel um Vergessen, Erinnern und Suchen deutet auf die große Frage der Pubertät hin: Ich suche etwas, aber was ist es? Diese Phase, die jeder von uns einmal durchgemacht hat, kommt in Your Name besonders schön durch die Beziehungen der beiden Hauptfiguren zu den erwachsenen Charakteren zur Geltung. Takis Vater hat weniger als zehn Sekunden Spielzeit, nicht einmal einen Namen, sorgt sich nicht um seinen Sohn, der äußerst eigenständig zur Schule geht, arbeitet und mal eben mehrere Tage aufs Land verschwindet. Mitsuhas Vater dient vor allem als Widersacher, der dem jugendlichen Idealismus erwachsene Nüchternheit entgegensetzt. Seine tragische Vergangenheit als desillusionierter Ex-Priester, der sein Trauma in der bürokratischen Welt der Lokalpolitik zu heilen versucht, zeigt den jugendlichen Helden (und dem Publikum!), dass manche Lebensziele brutal scheitern. Dass er sich dennoch dem jugendlichen Optimismus beugt, unterstreicht natürlich die Grundhaltung des Films: Träume sind gut, und es lohnt sich zu kämpfen!

Spoiler: Teenager-Idealismus und Schicksal
Interessant ist, dass sowohl Mitsuha als auch Taki keine Mutter haben. Taki sucht einen Ersatz in Okudera, was letztlich nicht ganz aufgeht, während Mitsuha vor allem von ihrer Großmutter geleitet wird. Und es hat nicht nur einen rein sentimentalen Wert, dass Hitoha ihre beiden Enkelinnen nach dem Tod ihrer Tochter aufnahm. Die Frauen der Miyamizu-Familie hüten nicht nur seit Generationen den örtlichen Schrein. Scheinbar hat auch jede einzelne von ihnen (laut Hitoha) Körpertausch-Erfahrungen gemacht, was Mitsuha zu einer auserkorenen Heldin erhöht (sie vermutet ja sogar selbst, dass ihr diese Fähigkeit vererbt wurde, damit sie die Bürger von Itomori retten kann).
Und jeder Held braucht einen Widersacher. Hier ist es der Komet Tiamat, der im spirituellen Gewebe des Musubi die Rolle des willkürlichen und grausamen Gottes spielt. Vor 1200 Jahren, bei seinem letzten Besuch, schuf Tiamat den Krater, in dem Itomori heute liegt. Jetzt, bei seiner erneuten Rückkehr, löscht der Himmelskörper seine Schöpfung aus. Diese Dualität als Schöpfer- und Zerstörergottheit ist bereits am Namen abzulesen. Regisseur Shinkai verweist hier clever auf den babylonischen Schöpfungsmythos Enuma Elish: Dort ist Tiamat eine Urgöttin der Schöpfung, die nach dem Tod ihres Gemahls Abzu mörderische Rache schwört. Dass die Bedrohung durch eine Naturgewalt kommt, statt durch einen Schurken, den man bekämpfen könnte, ist natürlich auch ein sehr japanisches Motiv. Das Land ist seit Jahrtausenden den Elementen ausgesetzt: Wirbelstürme, Tsunamis und Erdbeben kosteten in der japanischen Geschichte immer wieder unzählige Menschenleben. Ab dem 20. Jahrhundert kam noch die nukleare Bedrohung hinzu: die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki sowie in jüngster Geschichte der Reaktorunfall von Fukushima. Das Leben mit diesen ständigen Bedrohungen hat sich tief in die japanische Psyche eingegraben und finden sich dementsprechend oft in kulturellen Erzeugnissen wieder. Zu behaupten, dass Makoto Shinkai eine Allegorie auf Fukushima präsentieren wollte, wäre aber zu weit gegriffen. Your Name ist ein Film über die Beziehung zweier Menschen zueinander, kein reiner Katastrophenfilm. Dennoch schwingt in der emotional bedrückenden Szene, in der der Kometeneinschlag abrupt hunderte Menschenleben vernichtet, auch ein Stück japanischer Geschichte mit.
Insofern ist die Zerstörung Itomoris unvermeidlich, Zeitsprünge hin oder her. Nur die Menschen können gerettet werden, wodurch Mitsuha ihre Bestimmung erfüllt. Es mag zwar so wirken, als ob Taki ab der zweiten Filmhälfte die handelnde Figur sei, während Mitsuha gefangen in einem furchtbaren Schicksal der Rettung harrt. Dieses Klischee vermeidet Your Name aber bewusst. Betrachtet man die Rückblenden, so erkennt man deutlich, dass Mitsuha – ob gezielt oder unbeabsichtigt – schon viel früher als Taki aktiv wird: Indem sie ihn etwa in ihrer eigenen Zeitebene besucht und dem fremden Jungen ihr Haarband schenkt. Aus einer scheinbaren Laune heraus beschließt er, es zukünftig am Handgelenk zu tragen. Später bereitet sie den geweihten Sake zu, welcher einer schamanischen Droge gleich, Taki einen letzten Körpersprung ermöglicht. Die Hinweise auf Itomori, das Taki durch die Amnesie der Zeitverschiebung nur aus Skizzen kennt, all diese durch den Zeitfluss verstreuten Spuren, ermöglichen am Ende das Zusammenspiel von Taki und Mitsuha. Selbst der Verlust ihrer Erinnerung an den geliebten Menschen kann sie am Ende nicht mehr aufhalten. Die Verhinderung einer großen Katastrophe durch Teamwork – kann es ein schöneres Ende für eine Fantasy-Geschichte geben?

Interessant ist, dass sowohl Mitsuha als auch Taki keine Mutter haben. Taki sucht einen Ersatz in Okudera, was letztlich nicht ganz aufgeht, während Mitsuha vor allem von ihrer Großmutter geleitet wird. Und es hat nicht nur einen rein sentimentalen Wert, dass Hitoha ihre beiden Enkelinnen nach dem Tod ihrer Tochter aufnahm. Die Frauen der Miyamizu-Familie hüten nicht nur seit Generationen den örtlichen Schrein. Scheinbar hat auch jede einzelne von ihnen (laut Hitoha) Körpertausch-Erfahrungen gemacht, was Mitsuha zu einer auserkorenen Heldin erhöht (sie vermutet ja sogar selbst, dass ihr diese Fähigkeit vererbt wurde, damit sie die Bürger von Itomori retten kann).
Und jeder Held braucht einen Widersacher. Hier ist es der Komet Tiamat, der im spirituellen Gewebe des Musubi die Rolle des willkürlichen und grausamen Gottes spielt. Vor 1200 Jahren, bei seinem letzten Besuch, schuf Tiamat den Krater, in dem Itomori heute liegt. Jetzt, bei seiner erneuten Rückkehr, löscht der Himmelskörper seine Schöpfung aus. Diese Dualität als Schöpfer- und Zerstörergottheit ist bereits am Namen abzulesen. Regisseur Shinkai verweist hier clever auf den babylonischen Schöpfungsmythos Enuma Elish: Dort ist Tiamat eine Urgöttin der Schöpfung, die nach dem Tod ihres Gemahls Abzu mörderische Rache schwört. Dass die Bedrohung durch eine Naturgewalt kommt, statt durch einen Schurken, den man bekämpfen könnte, ist natürlich auch ein sehr japanisches Motiv. Das Land ist seit Jahrtausenden den Elementen ausgesetzt: Wirbelstürme, Tsunamis und Erdbeben kosteten in der japanischen Geschichte immer wieder unzählige Menschenleben. Ab dem 20. Jahrhundert kam noch die nukleare Bedrohung hinzu: die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki sowie in jüngster Geschichte der Reaktorunfall von Fukushima. Das Leben mit diesen ständigen Bedrohungen hat sich tief in die japanische Psyche eingegraben und finden sich dementsprechend oft in kulturellen Erzeugnissen wieder. Zu behaupten, dass Makoto Shinkai eine Allegorie auf Fukushima präsentieren wollte, wäre aber zu weit gegriffen. Your Name ist ein Film über die Beziehung zweier Menschen zueinander, kein reiner Katastrophenfilm. Dennoch schwingt in der emotional bedrückenden Szene, in der der Kometeneinschlag abrupt hunderte Menschenleben vernichtet, auch ein Stück japanischer Geschichte mit.
Insofern ist die Zerstörung Itomoris unvermeidlich, Zeitsprünge hin oder her. Nur die Menschen können gerettet werden, wodurch Mitsuha ihre Bestimmung erfüllt. Es mag zwar so wirken, als ob Taki ab der zweiten Filmhälfte die handelnde Figur sei, während Mitsuha gefangen in einem furchtbaren Schicksal der Rettung harrt. Dieses Klischee vermeidet Your Name aber bewusst. Betrachtet man die Rückblenden, so erkennt man deutlich, dass Mitsuha – ob gezielt oder unbeabsichtigt – schon viel früher als Taki aktiv wird: Indem sie ihn etwa in ihrer eigenen Zeitebene besucht und dem fremden Jungen ihr Haarband schenkt. Aus einer scheinbaren Laune heraus beschließt er, es zukünftig am Handgelenk zu tragen. Später bereitet sie den geweihten Sake zu, welcher einer schamanischen Droge gleich, Taki einen letzten Körpersprung ermöglicht. Die Hinweise auf Itomori, das Taki durch die Amnesie der Zeitverschiebung nur aus Skizzen kennt, all diese durch den Zeitfluss verstreuten Spuren, ermöglichen am Ende das Zusammenspiel von Taki und Mitsuha. Selbst der Verlust ihrer Erinnerung an den geliebten Menschen kann sie am Ende nicht mehr aufhalten. Die Verhinderung einer großen Katastrophe durch Teamwork – kann es ein schöneres Ende für eine Fantasy-Geschichte geben?

Shinkais Erfolgsrezept
Makoto Shinkai hat schon in früheren Werken bewiesen, dass er ein Händchen für die Darstellung zwischenmenschlicher Beziehungen hat. Das allein erklärt nicht den phänomenalen Erfolg von Your Name, aber es ist sicher einer der wichtigsten Gründe dafür, warum der Film ein Millionenpublikum weltweit begeistert. Der Film funktioniert auf mehreren Ebenen, spricht sowohl Freunde von Phantastik und Anime als auch genreuninteressierte Gelegenheitszuschauer an. Wer mit Comedy nichts anfangen kann, findet später spirituellen Tiefgang, wem die übernatürlichen Elemente zu abgedreht sind, kann sich an den vielschichtigen und liebenswerten Charakteren erfreuen und wer sich von typischen Anime-Storyklischees abgestumpft fühlt, den erwartet hier eine etwas bodenständigere, erwachsenere Handlung. Apropos erwachsen, Your Name spricht auch deshalb so viele Zuschauer über 18 an, weil sich diese noch gut an die Irrungen und Wirrungen der Pubertät erinnern können.
Trotzdem ist der Film für die ganze Familie geeignet. Shinkai vermeidet platte Schockeffekte, Gewalt- oder Sexdarstellungen, die in einem derart gefühlvollen Film sowieso fehl am Platz wären. Dementsprechend gab die FSK Your Name ab 6 Jahren frei. Den Film richtig genießen kann man aber erst dann, wenn man zumindest Mitsuhas und Takis Alter erreicht hat.
Die harten Fakten:

Titel: Kimi no na wa / 君の名は。(Original), Your Name (Englisch), Your Name. – Gestern, heute und für immer (Deutsch)
Regie: Makoto Shinkai
Sprecher: Mitsuha – Mone Kamishiraishi (J)/Stephanie Sheh (E)/Laura Jenni (D), Taki – Ryunosuke Kamiki (J)/Michael Sinterniklaas (E)/Maximilian Belle (D), Okudera – Masami Nagasawa (J)/Laura Post (E)/Laura Maire (D), Hitoha – Etsuko Ichihara (J)/Glynis Ellis (E)/Eva-Maria Lahl (D) et al.
Erscheinungsjahr: 2016
Sprache: Japanisch (rezensierte Version), Englisch, Deutsch
Format: Kinofilm, ab Mai 2018 erhältlich auf DVD
Preis: Ticketpreise variieren, DVD ca. 17 Euro

 
Fazit
Anime ist nicht für jeden westlichen Zuschauer ein leicht zugängliches Genre. Die Zeichnungen, die so fernab von Disney- oder Marvel/DC-Optik scheinen, japanischer Humor oder gänzlich abgedrehte Charaktere schrecken viele Neulinge ab. Your Name ist hingegen ein hervorragender Einstieg für jeden, der mal in japanische Animation hineinschnuppern will. Wer gänzlich uninteressiert an animierten Filmen ist, kommt auch auf seine Kosten, und der Hardcore-Otaku, der scheinbar schon alles kennt, was japanische Studios in den letzten Jahrzehnten produzierten, wird hier vielleicht eine angenehme Überraschung erleben. Diese Erfolgsgeschichte ging nicht spurlos an Hollywood vorbei, wo man bereits J.J. Abrams verpflichtet hat, um mit einem Remake ein Stück vom Kuchen abzukriegen.
Ob dem Star Trek– und Star Wars-Regisseur es gelingt, diesen doch sehr japanischen Stoff in westliches Realfilmformat zu übertragen oder ob daraus eine Klamotte a la Freaky Friday wird, bleibt abzuwarten. In jedem Fall ist Makoto Shinkais jüngstes Werk ein bunter, optimistischer und gefühlvoller Film, also genau das, was man im trüben Winterwetter braucht. Anschauen!

Artikelbilder: Universum Film, Toho Ltd. , Bearbeitung: Verena Bach
Der Eintritt zu diesem Film wurde durch die Einnahmen des Patreon-Projektes finanziert.
 

Quelle: www.teilzeithelden.de Angeschaut: „Your Name“ – ein gutes Rezept gegen das Winterwetter

Angeschaut: Bright (Netflix) – Urbane EDO-Fantasy für die Massen

Angeschaut: Bright (Netflix) – Urbane EDO-Fantasy für die Massen
Bright, eine Netflix-Produktion, ist derzeit in aller Munde und wird vor allem in den sozialen Medien heiß diskutiert. Einige nennen ihn einen Shadowrun-Film, andere erfreuen sich an der Fantasy-Welt, aber die „offiziellen“ Kritiken sind nicht gut ausgefallen. Henning hat Bright nochmal genau angesehen und sich eine Meinung dazu gebildet.
Der Hintergrund
Bright spielt in der heutigen Zeit und Welt, allerdings gehören Elfen, Orks und andere Fantasiewesen zum Alltag. Auch andere aus der Fantasy bekannte Elemente haben großen Einfluss auf das alltägliche Wesen.
Der Einfluss von Magie auf die Entwicklung der Welt wiederum ist gering: Sie existiert zwar, ist aber an den Einsatz von Zauberstäben, sogenannten Wands, gebunden. Wands sind an sich schon selten, und ihr Einsatz ist nur wenigen Personen, sogenannten Brights, möglich. Die meisten Brights sind Elfen, es gibt aber auch einige wenige Menschen, die diese Fähigkeit entwickeln.
Elfen haben ihr magisches Talent genutzt, um sich an die Spitze der Gesellschaft zu setzen. Die Orks haben sich vor mehr als zweitausend Jahren in einem großen Krieg dem Dunklen Lord, einem mysteriösen Oberbösewicht, angeschlossen, wurden aber gemeinsam mit diesem geschlagen. Noch heute trauen ihnen deshalb nur wenige. Sie werden höchstens für niedere Drecksarbeiten eingesetzt und somit als notwendiges Übel betrachtet. Während die Elfen einen eigenen, abgeriegelten Stadtbezirk haben, kämpfen Ork-Gangs mit anderen Gangs um die Kontrolle der Straße.
Die Story
Im Stil eines typischen Buddy-Movie begleitet Bright den Cop Daryl Ward und seinen unbeliebten Ork-Partner Nick Jakoby. Jakoby hat es nicht geschafft, einen Schützen zu fassen, der Ward angeschossen hat, was seinen ohnehin schweren Stand innerhalb der Polizei und speziell gegenüber Ward noch verschlimmert.
Die Beiden werden zu einem einfachen Einsatz wegen Lärmbelästigung gerufen und stoßen auf einen Schauplatz offensichtlicher Magieanwendung. Als sie hier die junge Elfe Tikka und einen Zauberstab finden, eskaliert die Situation und stürzt die beiden in einen Strudel von Geschehnissen.
Die gesamte Story folgt ab hier leider dem vorhersehbaren Muster der Buddy-Movies, die Einmischung der Fantasy-Welt bringt aber ausreichend Abwechslung, um sie interessant zu machen. Der Hintergrund trägt den Film.
Schön: Der dunkle Lord, von dem die ganze Zeit geredet wird, ist nicht der Endgegner des Filmes, sondern ein Teil des Hintergrundes, und stellt somit auch weiterhin eine konstante Bedrohung in dieser Welt dar.
Darsteller
Will Smith (Men In Black, I Am Legend, I – Robot) spielt Daryl Ward professionell, aber nicht herausragend. In einigen Szenen kann er glänzen, in anderen spielt er leider zu sehr Will Smith.
Joel Edgerton (The Gift, Warrior, Der große Gatsby) porträtiert Nick Jakoby, einen Ork, der zwischen Polizei und Ork-Gemeinschaft steht, aber von beiden nicht vollständig akzeptiert wird. Man nimmt ihm den ständigen Kampf um Anerkennung ab.
Lucy Fry (11.22.64 – Der Anschlag, Mr. Church) spielt Tikka, eine Elfe, die von den Cops gerettet wird und sich ihnen notgedrungen anschließt. Da sie nur elfisch spricht und deshalb Kommunikationsprobleme auftreten, erinnert ihre Rolle streckenweise stark an Leeloo aus Das Fünfte Element.
Noomi Rapace (Sherlock Holmes – Spiel im Schatten, Verblendung) spielt Leilah, die Antagonistin des Filmes. Sie ist eine Bright, die ihren Wand sucht und dafür über Leichen geht. Leilah ist eine Inferni, eine entrückte, von Magie korrumpierte Elfe, die genau weiß, was sie will – und diese Rolle nimmt man Noomi Rapace voll und ganz ab.
Die Nebendarsteller überzeugen durchweg in ihren Rollen, auch wenn einige dieser Rollen, passend zum Film, etwas zu stereotypisch angelegt sind.

Inszenierung
Die Geschichte des Filmes spielt in einer ausgearbeiteten Welt, die den Eindruck macht, dass sie auch dort existiert, wo die Kamera gerade nicht hinschaut. Kleinigkeiten am Rande der Szenen, Handlungen im Hintergrund und das generelle Design beleben die Szenen, und Andeutungen vergangener Ereignisse und alte Prophezeiungen bilden ein Fundament, auf dem man mehr als nur diese eine Geschichte erzählen kann – und hoffentlich auch wird: Bright II wurde vor kurzem offiziell angekündigt.
Die Atmosphäre des Filmes wird durch einen grandiosen Soundtrack getragen, der sich die meiste Zeit genau zu den richtigen Zeiten in den Vordergrund spielt oder eben zurücknimmt und somit durchgängig das Tempo des Filmes bestimmt. Stellenweise erinnert er jedoch auch an Two Steps From Hell – und ist dementsprechend auch mal eine Spur zu episch.
Der Film zeigt gute Action-Sequenzen, bei denen leider auch deutlich wird, welcher Schauspieler sich bewegen kann und welcher schnelle Schnitte braucht. Und eine zu lange Verfolgungsjagd darf natürlich auch nicht fehlen. Insgesamt kann man der Action aber gut folgen und wird durchgehend unterhalten.
Negativ fällt auf, dass sich die Charaktere in mehreren Szenen einfach nur gegenseitig anbrüllen, ohne einen Schritt weiterzukommen. Es scheint, als würde derjenige den Konflikt für sich entscheiden, der am lautesten schreit.
Ein Punkt im Script fällt besonders negativ auf, den verstecke ich aber besser in einem Spoiler-Kasten:
SpoilerTikka durchlebt mit den Cops mehrere lebensgefährliche Situationen, in denen sie versucht, die beiden in der Elfensprache zu warnen – was diese natürlich nicht verstehen. Am Ende des Filmes spricht sie dann auf einmal Englisch, weil sie, eigene Aussage, den beiden jetzt vertraut. Vielleicht ist das eine Fähigkeit der Elfen/Inferni, mit Leuten „magisch“ kommunizieren zu können, denen sie vertrauen – aber das wird im Film nicht klar, und so fragt sich der Zuschauer, warum sie die beiden in für sie lebensgefährlichen Situationen nicht auf Englisch gewarnt hat.Tikka durchlebt mit den Cops mehrere lebensgefährliche Situationen, in denen sie versucht, die beiden in der Elfensprache zu warnen – was diese natürlich nicht verstehen. Am Ende des Filmes spricht sie dann auf einmal Englisch, weil sie, eigene Aussage, den beiden jetzt vertraut. Vielleicht ist das eine Fähigkeit der Elfen/Inferni, mit Leuten „magisch“ kommunizieren zu können, denen sie vertrauen – aber das wird im Film nicht klar, und so fragt sich der Zuschauer, warum sie die beiden in für sie lebensgefährlichen Situationen nicht auf Englisch gewarnt hat.
Deutsch vs. Englisch
Das englische Original versucht, wie viele Cop-Movies, den Slang der Sprache einzufangen. Wir haben noch keinen Zähler mitlaufen lassen, aber ich behaupte, die Anzahl der beiläufig eingestreuten F-Worte, die umso höher ausfällt, je mehr sich ein Charakter beweisen muss, liegt im dreistelligen Bereich. Dies fällt als ziemlich nervig auf. Ansonsten sprechen die meisten Schauspieler durchweg verständlich, extreme Dialekte, abgesehen von Orkisch und Elfisch, beschränken sich auf ein Minimum.
Die deutsche Synchronisation ist gut gelungen. Einige Übersetzungen fallen im direkten Vergleich auf, aber das ist normal. Stellenweise werden einfach englische Worte beibehalten, um Zusammenhänge, Überleitungen oder Wortwitze verständlich zu machen. Negativ fällt allerdings auf, dass Orks und Elfen zwar synchronisiert werden, während sie englisch sprechen – aber wenn sie Orkisch oder Elfisch sprechen, hört man die Stimme der Original-Schauspieler. Das ist teilweise etwas verwirrend.

Ist Bright ein Shadowrun-Film?
In den sozialen Medien wurde Bright von Rollenspiel-Fans nach dem ersten Trailer oft in Richtung Shadowrun eingeordnet. Hauptmotivation dafür dürfte das Vorkommen von Elfen und Orks in einer modernen, aber vermeintlich kaputten Welt sein. Genauer betrachtet stimmt diese Einordnung aber nicht, da einige zentrale Elemente von Shadowrun fehlen.
Bright spielt nicht in einer dystopischen Zukunft. Die eingesetzte Technik entspricht unserem heutigen Stand, Regierungen haben noch eine Bedeutung (zumindest in den USA) und die Macht in den Staaten wurde noch nicht von Konzernen übernommen.
Mit der fehlenden Technik fehlen natürlich auch stilgebende Elemente des Cyberpunk, also die Verbesserung des Menschen durch kybernetische Einbauten, die allumfassende Computermatrix oder Neon an jeder Straßenecke.
Orks, Elfen und alle anderen Geschöpfe gehören seit Urzeiten zum Weltbild dazu und sind nicht plötzlich aufgetaucht. Die Probleme mit den Orks stammen beispielsweise aus deren Vergangenheit, nicht aus Misstrauen gegenüber einer plötzlichen Mutation.
Erscheinungsbild/Umfang
Bright gibt es derzeit nur als Online-Stream beim Anbieter Netflix zu sehen.

Die harten Fakten:
Regie: David Ayer
Darsteller: Will Smith, Joel Edgerton, Noomi Rapace, Lucy Fry
Erscheinungsjahr: 2017
Sprache: Deutsch/Englisch/Französisch/Italienisch/Türkisch
Format: Stream
Preis: Netflix
Bezugsquelle: Netflix-Abo

 
Fazit
Bright bietet eine interessante Welt mit Potential. Entgegen erster Vermutungen jedoch handelt es sich nicht um eine Welt, die sich bemüht, die sechste Welt von Shadowrun darzustellen. Die Parallelen zum Herren der Ringe sind da viel größer. 
Im Stil eines typischen Buddy-Movies treffen die Protagonisten (dargestellt von Will Smith und Joel Edgerton) auf eine große magische Bedrohung, derer sie Herr werden müssen. Die Welt wirkt ausgearbeitet und lebendig; sie kann durch Details überzeugen. Auch wenn es kleinere Logiklücken im Skript gibt und Teile der Handlung aus Action und Geschreie bestehen, konnte der Film uns größtenteils überzeugen.  Dennoch gibt es weitläufig uninspirierte Passagen.
Netflix hat mittlerweile eine Fortsetzung angekündigt.

Mit Tendenz nach Oben
Artikelbilder: Netflix
 

Bright, eine Netflix-Produktion, ist derzeit in aller Munde und wird vor allem in den sozialen Medien heiß diskutiert. Einige nennen ihn einen Shadowrun-Film, andere erfreuen sich an der Fantasy-Welt, aber die „offiziellen“ Kritiken sind nicht gut ausgefallen. Henning hat Bright nochmal genau angesehen und sich eine Meinung dazu gebildet.
Der Hintergrund
Bright spielt in der heutigen Zeit und Welt, allerdings gehören Elfen, Orks und andere Fantasiewesen zum Alltag. Auch andere aus der Fantasy bekannte Elemente haben großen Einfluss auf das alltägliche Wesen.
Der Einfluss von Magie auf die Entwicklung der Welt wiederum ist gering: Sie existiert zwar, ist aber an den Einsatz von Zauberstäben, sogenannten Wands, gebunden. Wands sind an sich schon selten, und ihr Einsatz ist nur wenigen Personen, sogenannten Brights, möglich. Die meisten Brights sind Elfen, es gibt aber auch einige wenige Menschen, die diese Fähigkeit entwickeln.
Elfen haben ihr magisches Talent genutzt, um sich an die Spitze der Gesellschaft zu setzen. Die Orks haben sich vor mehr als zweitausend Jahren in einem großen Krieg dem Dunklen Lord, einem mysteriösen Oberbösewicht, angeschlossen, wurden aber gemeinsam mit diesem geschlagen. Noch heute trauen ihnen deshalb nur wenige. Sie werden höchstens für niedere Drecksarbeiten eingesetzt und somit als notwendiges Übel betrachtet. Während die Elfen einen eigenen, abgeriegelten Stadtbezirk haben, kämpfen Ork-Gangs mit anderen Gangs um die Kontrolle der Straße.
Die Story
Im Stil eines typischen Buddy-Movie begleitet Bright den Cop Daryl Ward und seinen unbeliebten Ork-Partner Nick Jakoby. Jakoby hat es nicht geschafft, einen Schützen zu fassen, der Ward angeschossen hat, was seinen ohnehin schweren Stand innerhalb der Polizei und speziell gegenüber Ward noch verschlimmert.
Die Beiden werden zu einem einfachen Einsatz wegen Lärmbelästigung gerufen und stoßen auf einen Schauplatz offensichtlicher Magieanwendung. Als sie hier die junge Elfe Tikka und einen Zauberstab finden, eskaliert die Situation und stürzt die beiden in einen Strudel von Geschehnissen.
Die gesamte Story folgt ab hier leider dem vorhersehbaren Muster der Buddy-Movies, die Einmischung der Fantasy-Welt bringt aber ausreichend Abwechslung, um sie interessant zu machen. Der Hintergrund trägt den Film.
Schön: Der dunkle Lord, von dem die ganze Zeit geredet wird, ist nicht der Endgegner des Filmes, sondern ein Teil des Hintergrundes, und stellt somit auch weiterhin eine konstante Bedrohung in dieser Welt dar.
Darsteller
Will Smith (Men In Black, I Am Legend, I – Robot) spielt Daryl Ward professionell, aber nicht herausragend. In einigen Szenen kann er glänzen, in anderen spielt er leider zu sehr Will Smith.
Joel Edgerton (The Gift, Warrior, Der große Gatsby) porträtiert Nick Jakoby, einen Ork, der zwischen Polizei und Ork-Gemeinschaft steht, aber von beiden nicht vollständig akzeptiert wird. Man nimmt ihm den ständigen Kampf um Anerkennung ab.
Lucy Fry (11.22.64 – Der Anschlag, Mr. Church) spielt Tikka, eine Elfe, die von den Cops gerettet wird und sich ihnen notgedrungen anschließt. Da sie nur elfisch spricht und deshalb Kommunikationsprobleme auftreten, erinnert ihre Rolle streckenweise stark an Leeloo aus Das Fünfte Element.
Noomi Rapace (Sherlock Holmes – Spiel im Schatten, Verblendung) spielt Leilah, die Antagonistin des Filmes. Sie ist eine Bright, die ihren Wand sucht und dafür über Leichen geht. Leilah ist eine Inferni, eine entrückte, von Magie korrumpierte Elfe, die genau weiß, was sie will – und diese Rolle nimmt man Noomi Rapace voll und ganz ab.
Die Nebendarsteller überzeugen durchweg in ihren Rollen, auch wenn einige dieser Rollen, passend zum Film, etwas zu stereotypisch angelegt sind.

Inszenierung
Die Geschichte des Filmes spielt in einer ausgearbeiteten Welt, die den Eindruck macht, dass sie auch dort existiert, wo die Kamera gerade nicht hinschaut. Kleinigkeiten am Rande der Szenen, Handlungen im Hintergrund und das generelle Design beleben die Szenen, und Andeutungen vergangener Ereignisse und alte Prophezeiungen bilden ein Fundament, auf dem man mehr als nur diese eine Geschichte erzählen kann – und hoffentlich auch wird: Bright II wurde vor kurzem offiziell angekündigt.
Die Atmosphäre des Filmes wird durch einen grandiosen Soundtrack getragen, der sich die meiste Zeit genau zu den richtigen Zeiten in den Vordergrund spielt oder eben zurücknimmt und somit durchgängig das Tempo des Filmes bestimmt. Stellenweise erinnert er jedoch auch an Two Steps From Hell – und ist dementsprechend auch mal eine Spur zu episch.
Der Film zeigt gute Action-Sequenzen, bei denen leider auch deutlich wird, welcher Schauspieler sich bewegen kann und welcher schnelle Schnitte braucht. Und eine zu lange Verfolgungsjagd darf natürlich auch nicht fehlen. Insgesamt kann man der Action aber gut folgen und wird durchgehend unterhalten.
Negativ fällt auf, dass sich die Charaktere in mehreren Szenen einfach nur gegenseitig anbrüllen, ohne einen Schritt weiterzukommen. Es scheint, als würde derjenige den Konflikt für sich entscheiden, der am lautesten schreit.
Ein Punkt im Script fällt besonders negativ auf, den verstecke ich aber besser in einem Spoiler-Kasten:
SpoilerTikka durchlebt mit den Cops mehrere lebensgefährliche Situationen, in denen sie versucht, die beiden in der Elfensprache zu warnen – was diese natürlich nicht verstehen. Am Ende des Filmes spricht sie dann auf einmal Englisch, weil sie, eigene Aussage, den beiden jetzt vertraut. Vielleicht ist das eine Fähigkeit der Elfen/Inferni, mit Leuten „magisch“ kommunizieren zu können, denen sie vertrauen – aber das wird im Film nicht klar, und so fragt sich der Zuschauer, warum sie die beiden in für sie lebensgefährlichen Situationen nicht auf Englisch gewarnt hat.Tikka durchlebt mit den Cops mehrere lebensgefährliche Situationen, in denen sie versucht, die beiden in der Elfensprache zu warnen – was diese natürlich nicht verstehen. Am Ende des Filmes spricht sie dann auf einmal Englisch, weil sie, eigene Aussage, den beiden jetzt vertraut. Vielleicht ist das eine Fähigkeit der Elfen/Inferni, mit Leuten „magisch“ kommunizieren zu können, denen sie vertrauen – aber das wird im Film nicht klar, und so fragt sich der Zuschauer, warum sie die beiden in für sie lebensgefährlichen Situationen nicht auf Englisch gewarnt hat.
Deutsch vs. Englisch
Das englische Original versucht, wie viele Cop-Movies, den Slang der Sprache einzufangen. Wir haben noch keinen Zähler mitlaufen lassen, aber ich behaupte, die Anzahl der beiläufig eingestreuten F-Worte, die umso höher ausfällt, je mehr sich ein Charakter beweisen muss, liegt im dreistelligen Bereich. Dies fällt als ziemlich nervig auf. Ansonsten sprechen die meisten Schauspieler durchweg verständlich, extreme Dialekte, abgesehen von Orkisch und Elfisch, beschränken sich auf ein Minimum.
Die deutsche Synchronisation ist gut gelungen. Einige Übersetzungen fallen im direkten Vergleich auf, aber das ist normal. Stellenweise werden einfach englische Worte beibehalten, um Zusammenhänge, Überleitungen oder Wortwitze verständlich zu machen. Negativ fällt allerdings auf, dass Orks und Elfen zwar synchronisiert werden, während sie englisch sprechen – aber wenn sie Orkisch oder Elfisch sprechen, hört man die Stimme der Original-Schauspieler. Das ist teilweise etwas verwirrend.

Ist Bright ein Shadowrun-Film?
In den sozialen Medien wurde Bright von Rollenspiel-Fans nach dem ersten Trailer oft in Richtung Shadowrun eingeordnet. Hauptmotivation dafür dürfte das Vorkommen von Elfen und Orks in einer modernen, aber vermeintlich kaputten Welt sein. Genauer betrachtet stimmt diese Einordnung aber nicht, da einige zentrale Elemente von Shadowrun fehlen.
Bright spielt nicht in einer dystopischen Zukunft. Die eingesetzte Technik entspricht unserem heutigen Stand, Regierungen haben noch eine Bedeutung (zumindest in den USA) und die Macht in den Staaten wurde noch nicht von Konzernen übernommen.
Mit der fehlenden Technik fehlen natürlich auch stilgebende Elemente des Cyberpunk, also die Verbesserung des Menschen durch kybernetische Einbauten, die allumfassende Computermatrix oder Neon an jeder Straßenecke.
Orks, Elfen und alle anderen Geschöpfe gehören seit Urzeiten zum Weltbild dazu und sind nicht plötzlich aufgetaucht. Die Probleme mit den Orks stammen beispielsweise aus deren Vergangenheit, nicht aus Misstrauen gegenüber einer plötzlichen Mutation.
Erscheinungsbild/Umfang
Bright gibt es derzeit nur als Online-Stream beim Anbieter Netflix zu sehen.

Die harten Fakten:
Regie: David Ayer
Darsteller: Will Smith, Joel Edgerton, Noomi Rapace, Lucy Fry
Erscheinungsjahr: 2017
Sprache: Deutsch/Englisch/Französisch/Italienisch/Türkisch
Format: Stream
Preis: Netflix
Bezugsquelle: Netflix-Abo

 
Fazit
Bright bietet eine interessante Welt mit Potential. Entgegen erster Vermutungen jedoch handelt es sich nicht um eine Welt, die sich bemüht, die sechste Welt von Shadowrun darzustellen. Die Parallelen zum Herren der Ringe sind da viel größer. 
Im Stil eines typischen Buddy-Movies treffen die Protagonisten (dargestellt von Will Smith und Joel Edgerton) auf eine große magische Bedrohung, derer sie Herr werden müssen. Die Welt wirkt ausgearbeitet und lebendig; sie kann durch Details überzeugen. Auch wenn es kleinere Logiklücken im Skript gibt und Teile der Handlung aus Action und Geschreie bestehen, konnte der Film uns größtenteils überzeugen.  Dennoch gibt es weitläufig uninspirierte Passagen.
Netflix hat mittlerweile eine Fortsetzung angekündigt.

Mit Tendenz nach Oben
Artikelbilder: Netflix
 

Quelle: www.teilzeithelden.de Angeschaut: Bright (Netflix) – Urbane EDO-Fantasy für die Massen