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Ist das noch Cosplay? Von Eigenkreationen und Kleiderschrank-Cosplays

Ist das noch Cosplay? Von Eigenkreationen und Kleiderschrank-Cosplays
Bunte Perücke, Jeans und T-Shirt – fertig ist das Cosplay! Kann und darf es so einfach sein? Oder bedarf es etwas mehr, um wirklich von „Cosplay“ zu sprechen? Wer entscheidet das? Und warum? Geht es nicht eigentlich darum, Spaß mit Kostümen zu haben?
Was ist Cosplay?
Das Verständnis davon, was “Cosplay” ist, wie und in welchem Rahmen es ausgeübt wird und wer darüber entscheidet, was Cosplay sein kann, hat sich im Verlauf der Jahre verändert. Als um das Jahr 2000 herum die ersten Verkleideten auf den ersten Conventions in Deutschland unterwegs waren, die sich selbst als Cosplayer bezeichneten, war diese Form des Kostümierens „aus Japan“ etwas, was sich auf Vorlagen aus Anime, Manga und japanischen Videospielen beschränkte. Inzwischen ist die Cosplay-Szene lange nicht mehr auf diese paar Vorlagen beschränkt. Comics aus aller Herren Länder, Fernsehserien, Bücher, selbst Politiker und Kunstwerke sind als Cosplays umgesetzt worden. Was also macht ein Cosplay zum Cosplay? Nach welchen Kriterien kann man das definieren?
Abgrenzung gegen andere Kostümformen – Fasching, LARP und Mittelalter
Mit die älteste, aber immer noch weitgehend akzeptierte, Abgrenzung ist die gegenüber Karnevals- oder Faschingskostümen. Während manche Cosplayer ihre Kostüme durchaus auch zu einer Faschingsparty anziehen würden, so würde umgekehrt kaum jemand auf die Idee kommen, ein typisches Faschingskostüm als Cosplay zu bezeichnen.
Ein Argument zur Abgrenzung ist dabei immer wieder die Qualität der Kostüme. Das „typische (billige) Faschingskostüm“ aus dem Supermarkt oder Kaufhaus ist vom Material und der Machart her nicht unbedingt etwas, was Cosplayer mit ihrem Hobby assoziiert sehen wollen. Ganz überzeugend ist das allerdings ob der doch immer größeren Anzahl von China-Cosplays nicht, die in der Machart letztlich nicht viel anders sind, als die meisten gekauften Faschingskostüme.
Cosplay ist zudem nicht an eine kurze Zeit im Jahr gebunden, inzwischen wird es im Rahmen von Fotoshootings an allen Tagen des Jahres ausgeübt.
Der meist entscheidende Faktor: Cosplays haben eine konkrete Vorlage, nach der sie angefertigt werden. Ein Faschingskostüm greift regelmäßig ein paar Klischees auf, um eine halbwegs erkennbare Darstellung eines Stereotyps zu ermöglichen. Das ist einer der zentralen Unterschiede, der bei manchen Faschingskostümen aber auch durchbrochen wird – historische Personen und manche Comicfigur existieren als etabliertes Faschingskostüm und sind in dieser Form nicht wirklich anders als Cosplay. In dem Moment, in dem eine konkrete einzelne Person, sei sie historisch oder fiktiv, in Kostümform nachgeahmt wird, kann man von Cosplay sprechen.
Theater, Reenactment und andere historische oder historisierende Kostümtrends sind der andere vielgenannte Abgrenzungspunkt zum Cosplay. Hier ist oftmals ein detailliertes Studium der (historischen) Kostümvorlagen erfolgt, das der Recherche eines Cosplayers in nichts nachsteht. Besonders der Zweck der Kostümierung ist aber ein anderer, denn das Kostüm ist Teil der Theaterkulisse und stützt die Atmosphäre für das Reenactment oder die Mittelaltermärkte. Kostümierung ist aber regelmäßig nicht der zentrale Fokus für den Tragenden, der stärker daran interessiert ist, die mit dem Kostüm verbundene Rolle darzustellen.
 
Abgrenzung innerhalb der Szene
Im Gegensatz zu anderen Hobbies, die ganz unabhängig vom Cosplay entstanden sind und auch eine eigenständige Art entwickelt haben, wann und wie Kostüme zu welchen Anlässen getragen werden, sind auch Abgrenzungsprobleme innerhalb der Cosplay-Szene bekannt. Wer kann hier nach welchen Kriterien entscheiden, was „noch“ Cosplay ist?
Mein Kleiderschrank reicht mir! Das sogenannte Kleiderschrank-Cosplay
Es muss nicht immer die Nähmaschine herausgeholt und zig Stunden an einem Kostüm gearbeitet werden. Einmal in den Schrank gegriffen, hat man gerade bei Serien, die in der Gegenwart spielen, schnell passende Kleidung für den Lieblingscharakter zusammen.
Aber ist das noch Cosplay?
Manche Serien zeigen die Charaktere in Alltagskleidung, und nicht wenige Cosplayer machen sich die Mühe, gerade diese Outfits originalgetreu nachzuahmen. Da man Cosplay gerade nicht daran festmachen kann, ob die Kleidung selbstgemacht ist oder „für den Charakter“ angefertigt wurde, ist diese Spielart ganz eindeutig Cosplay. Hier wird ein Charakter aus einer Vorlage originalgetreu umgesetzt, mehr kann man dem zentralen Grundgedanken nicht entsprechen.
Umstrittener sind „Casual Version“ Eigenkreationen: Man hat eine zum Charakter passende Perücke und sucht sich Alltagskleidung zusammen, ohne eine konkrete Vorlage zu haben.
Dabei gibt es immer schon eine große Bandbreite davon, wie viel Mühe und Aufwand Cosplayer bei diesen Versionen betreiben. Als Perücken erstmals besser und günstiger verfügbar waren, gab es eine erste Welle sehr durchwachsener Kostüme dieser Art. Damals entstanden auch die ersten Debatten rund um das Thema – gerade auf den Webseiten (allen voran in Deutschland seinerzeit Animexx) waren viele Leute eher genervt davon, schlecht zusammengewürfelte Alltagskleidung kombiniert mit irgendwelchen Perücken in der Cosplay-Sektion zu finden.
Allerdings ist Aufwand und Qualität als alleiniges Kriterium, ob ein Cosplay jetzt als Cosplay angesehen wird, kaum zielführend, wie bereits in der Abgrenzung zu Faschingskostümen erwähnt. Hilfreich ist die Außenperspektive: Wenn ein Betrachter das Kostüm als spezifisches Gesamtkonzept wahrnimmt, das nicht nur als „irgendwas mit bunten Haaren“ ankommt, ist schon einiges gewonnen. Wo die Kleidung dem Hintergrund und den Vorlieben des Charakters entspricht, also wirklich ein Konzept dahinter steht, werden sich auch andere Fans über die Umsetzung freuen. Aber auch selbst als Fan wird man oft zugeben müssen: Einfache Kombinationen aus T-Shirt und Jeans begeistern eher wenig. Detailreiche Fanart-Versionen hingegen sind bei Cosplayern wie Betrachtern höchst beliebt.
Der Wiedererkennungswert des Charakters ist für so ziemlich jeden Betrachter die Messlatte. Das schließt nicht aus, dass man auch mit stark entfremdeten Versionen eines Charakters Spaß haben kann. Nur kann man nie erwarten, dass ein zufälliger Betrachter den Charakter dann in jedem Fall erkennt und im Internet große Begeisterung ausbricht, wenn man gerade Bilder von diesem Charakter in den serientypischen Outfits gesucht hat. Wer aber für sich und die eigene Clique cosplayt, dem können diese Außenbetrachtungen letztlich egal sein. Für den eigenen Spaß ist nie entscheidend, ob jemand anderes das eigene Tun so oder so kategorisiert oder gutheißt.
 
Eigenkreationen – Ist das noch Cosplay?
Ein anderer, immer wieder aufkommender Zankapfel unter Betrachtern ebenso wie aktiven Cosplayern sind Eigenkreationen. Weit über die bereits genannten Casual Versionen bekannter Charaktere hinausgehend, sind damit vollständig eigene Charaktere gemeint.
Das Entwerfen eines eigenen Charakters ist für andere Verkleidungshobbies die Grundlage, insbesondere im LARP ist das Entwerfen des zu spielenden Charakters die zentrale Vorbereitungshandlung des Spielers. Das betrifft dabei auch immer ein Konzept des Aussehens und der Kleidung, denn Kleider machen Leute: ein Bettler trägt andere Kleidung als ein Fürst, die Anforderungen an ein Science Fiction-Setting sind andere als an ein LARP, das in der römischen Antike spielt.
In der Cosplay-Szene waren mit die ersten, die eigene Charaktere „als Cosplays“ trugen, auch Rollenspieler – allerdings ging das meist aus der Text-RPG-Szene hervor.
Viele Szenezugehörige spielen schon lange textbasierte Rollenspiele über Chatrooms, Foren und eigene Text-RPG-Systeme wie auf Animexx.de. Die hierfür konzipierten und ausgespielten Charaktere werden auch gecosplayt.
Auch aus dem Computer RPG-Bereich ist das Cosplayen der „eigenen“ Charaktere bekannt. In Videospielen, die die Erstellung eines eigenen Charakters ermöglichen (also insbesondere MMORPGs), wird als Vorlage der eigene Spielercharakter genommen und umgesetzt.
Ob und inwieweit all das als „Cosplay“ angesehen wird, daran scheiden sich die Geister. Während die Umsetzung der Computerspiele-Designs, die der Charakter-Generator ja sehr weitreichend vorgibt, wohl mehrheitlich als Cosplay angesehen wird, herrscht gerade bei RPG-Charakteren aus privaten RPGs große Uneinigkeit. Dabei kommt oft der Vorwurf, hier würde halt irgendeine Verkleidung erdacht, die mit Cosplay nichts zu tun habe. Denn regelmäßig verlangt Cosplay die Umsetzung einer Vorlage. Wenn ich die Vorlage aber selber erstelle, um dieses Kostüm dann auch zu tragen, wo ist da noch der Cosplay-spezifische Charakter, gerade weil man jederzeit die „Vorlage“ an die Umsetzung anpassen kann?
Für Cosplay-Fans, die Galerien nach dem Gesichtspunkt „Cosplay“ durchsuchen oder filtern, kommt zudem noch das frustrierende Erlebnis hinzu, dass sie ggf. eine Vielzahl vollkommen unbekannter Eigencharaktere finden und nicht die Umsetzungen von Charakteren, die sie eigentlich sehen wollen.
 
Regeln von Webseiten und Communities
Genau an diesem Punkt setzt dann auch oft die Regulierung seitens der Webseitenbetreiber ein. Oftmals fordert gerade der Betrachter einer Cosplay-Sektion, dass er dort die Bilder finden kann, die er sucht. Um eine entsprechende Zufriedenheit der Betrachter zu gewährleisten, wird daher von Seiten der Betreiber in ihren Regeln erläutert, „was Cosplay ist“ – oder was „als Cosplay freigeschaltet wird“, „als Cosplay zugeordnet“ werden darf oder „in der Cosplay-Sektion angezeigt werden darf“.
Um solche Regeln entstehen meist hitzige Debatten, denn sie schließen immer einige Inhalte aus. Gerade auf Animexx wurde mehrfach an diesen Regeln herumgeschraubt und diese Debatte dabei sehr öffentlich geführt. In der aktuellen Regelversion sind alle Arten von Kostümen als Cosplays zugelassen, wenn eine Vorlagenzeichnung oder Vorlagenbeschreibung mit eingereicht wird, und die Vorlage und das Kostüm übereinstimmen. Gleichzeitig hat Animexx aber auch schon vor Jahren Bereiche geschaffen, in denen LARP-Kostüme und japanische Streetfashion-Styles wie z.B. Lolita und Decora ohne diese Vorlagenpflicht hochgeladen und ausgestellt werden dürfen. Dennoch fühlen sich fortwährend Leute dadurch benachteiligt, dass ihre Bilder nicht im Cosplay-Bereich angezeigt werden.
Als Argument dafür, dass alle Arten von Kostümen einen Platz in der Cosplay-Sektion verdient hätten, wird oft eine sehr moderne „ich kann selber entscheiden, was für mich die Definition ist“-Argumentation herangezogen. Das hat natürlich einen reizvollen Klang. Ich darf in Zeiten, in denen auch Geschlechter geändert werden können, ja hoffentlich noch entscheiden, was für mich Cosplay ist!
Und das kann man natürlich tun. Das Problem an der ganzen Sache ist aber, dass man für sich selbst auch definieren kann, dass ein Huhn jetzt Hund heißt. Verstehen tut einen dann aber keiner, wenn man davon spricht, dass der Hund letzte Woche drei Eier gelegt hat, die sehr gut zum Frühstück geschmeckt haben.
Wer für sich selbst entscheidet, dass jedes der eigenen Kostüme ein Cosplay ist, kann nicht andere dazu zwingen, diese Definition zu übernehmen, denn die anderen Leute haben das exakt selbe Recht, für sich zu definieren, dass „Cosplay“ nur die Kostüme von Anime-, Manga- und Videospielcharakteren sind.
Der Webseitenbetreiber steht genau in der Mitte dieses Deutungskonflikts – er hat zunächst meist keine eigene Meinung zu dem Thema, beziehungsweise stellt sie zurück. Aber die Wünsche der Benutzer einer Plattform formen deren Regeln. Spricht sich eine Mehrheit der Benutzer dafür aus, dass sie bestimmte Inhalte nicht in einer bestimmten Sektion verortet sehen wollen, wird der Betreiber diesen Wünschen oft entsprechen – denn eine Plattform, die aus solchen Gründen ungern genutzt wird, verliert Benutzer, und das ist für den Betreiber selten ein wünschenswertes Ergebnis.
Wer selber im Reichweiten-Spiel der größtmöglichen Sichtbarkeit in den sozialen Medien mitspielen will, muss sich regelmäßig diesen Betrachterwünschen unterordnen. Oftmals wird es in Gruppen und Communities noch viel strenger geahndet, wenn gegen die Gruppenregeln bezüglich erlaubter Inhalte und Formate verstoßen wird. Und Gruppen, die sich durch wenig Regeln auszeichnen, fallen oft wegen der damit schnell einhergehenden Beliebigkeit der Inhalte in Ungnade.
 
Wettbewerbsregeln
Von der anderen Seite auf die Szene und ihr Selbstverständnis einwirkend, sind die Regeln von Cosplay-Wettbewerben. Viele Cosplayer dürften den Satz schon gehört oder selbst gesagt haben: „Das Cosplay muss jetzt nicht DCM-tauglich sein!“ Gemeint ist damit regelmäßig: Kleine Schlampereien bei der Genauigkeit der Umsetzung und der Nähtechnik werden hingenommen, weil die Ambition damit an der deutschen Cosplay-Meisterschaft teilzunehmen nicht vorhanden ist.
Die Regelwerke der Wettbewerbe prägen schon lange das Verständnis davon, was Cosplay ist. Auf vielen Anime-/Manga-Conventions galten jahrelang für die Wettbewerbe Begrenzungen für die Herkunft der Kostümvorlage. Nur Anime, Manga und japanische Videospiele waren zugelassen. Das wirkt bis heute nach – mancher Zuschauer, der sich schon länger nicht mehr intensiv mit der Szene beschäftigt hat, fragt dann beim DCM-Finale, warum denn plötzlich Tanz der Vampire-Kostüme zulässig sind. Mancher Besucher beschwert sich auch mal darüber, was Deadpool auf einer Anime-/Manga-Con verloren hat.
Gerade Großwettbewerbe, die mit Vorentscheiden im ganzen Land oder sogar international agieren, brauchen ein faires Regelwerk, um bei all der Vielfalt, die Cosplay bietet, trotzdem eine faire Beurteilung der Wettbewerbsteilnehmer zu ermöglichen. Dabei gibt es immer auch Regeln dazu, welche Cosplays überhaupt zugelassen sind. Oftmals werden Fanarts als Vorlagen ausgeschlossen, beim World Cosplay Summit sind im Finale sogar nur Franchises zugelassen, für die die Veranstalter Lizenzen in Japan bekommen – was nicht für alle Verlage und Produktionsstudios der Fall ist!
Die Regelwerke sind aber immer nur mit Blick auf den Wettbewerb geschrieben. Auch wenn manchen Wettbewerbs-Organisatoren die Ausstrahlungswirkung ihrer Regelwerke durchaus willkommen ist, so will niemand dort eine Aussage darüber treffen, wie „richtiges“ Cosplay funktioniert oder auszusehen hat. Es geht darum nach den gegebenen Kriterien eine Vergleichbarkeit herzustellen. Und gerade in der heutigen Cosplaylandschaft gibt es eine variantenreiche Fülle von Wettbewerben, sodass man sich durchaus einen suchen kann, der dem eigenen Verständnis nahe kommt, sofern man sich überhaupt mit Cosplay im Wettbewerb befassen möchte.
Außerhalb davon können Maßstäbe aus Wettbewerben natürlich auch für andere Cosplayer zu einer erstrebenswerten Messlatte werden. Doch auch hier gilt: Niemand muss sich diesen Maßstäben unterwerfen. Die Cosplay-Polizei, die alle, die nicht ordentlich genäht haben, von der Con schmeißt, hat noch nie irgendjemand gefordert.
So bleibt es letztlich dabei, dass es für einen selber sehr offen ist, was man als Cosplay ansehen möchte. Nur inwieweit andere den eigenen Maßstäben zustimmen, ist und bleibt eine freie Entscheidung des Einzelnen. Daher werden auch weiterhin sehr unterschiedliche Verständnisse von „Cosplay“ nebeneinander existieren und ab und zu aufeinanderprallen. Um sich und andere nicht wahnsinnig zu machen, hilft da nur das Motto: Leben und leben lassen.
Artikelbild: Teilzeithelden

Bunte Perücke, Jeans und T-Shirt – fertig ist das Cosplay! Kann und darf es so einfach sein? Oder bedarf es etwas mehr, um wirklich von „Cosplay“ zu sprechen? Wer entscheidet das? Und warum? Geht es nicht eigentlich darum, Spaß mit Kostümen zu haben?
Was ist Cosplay?
Das Verständnis davon, was “Cosplay” ist, wie und in welchem Rahmen es ausgeübt wird und wer darüber entscheidet, was Cosplay sein kann, hat sich im Verlauf der Jahre verändert. Als um das Jahr 2000 herum die ersten Verkleideten auf den ersten Conventions in Deutschland unterwegs waren, die sich selbst als Cosplayer bezeichneten, war diese Form des Kostümierens „aus Japan“ etwas, was sich auf Vorlagen aus Anime, Manga und japanischen Videospielen beschränkte. Inzwischen ist die Cosplay-Szene lange nicht mehr auf diese paar Vorlagen beschränkt. Comics aus aller Herren Länder, Fernsehserien, Bücher, selbst Politiker und Kunstwerke sind als Cosplays umgesetzt worden. Was also macht ein Cosplay zum Cosplay? Nach welchen Kriterien kann man das definieren?
Abgrenzung gegen andere Kostümformen – Fasching, LARP und Mittelalter
Mit die älteste, aber immer noch weitgehend akzeptierte, Abgrenzung ist die gegenüber Karnevals- oder Faschingskostümen. Während manche Cosplayer ihre Kostüme durchaus auch zu einer Faschingsparty anziehen würden, so würde umgekehrt kaum jemand auf die Idee kommen, ein typisches Faschingskostüm als Cosplay zu bezeichnen.
Ein Argument zur Abgrenzung ist dabei immer wieder die Qualität der Kostüme. Das „typische (billige) Faschingskostüm“ aus dem Supermarkt oder Kaufhaus ist vom Material und der Machart her nicht unbedingt etwas, was Cosplayer mit ihrem Hobby assoziiert sehen wollen. Ganz überzeugend ist das allerdings ob der doch immer größeren Anzahl von China-Cosplays nicht, die in der Machart letztlich nicht viel anders sind, als die meisten gekauften Faschingskostüme.
Cosplay ist zudem nicht an eine kurze Zeit im Jahr gebunden, inzwischen wird es im Rahmen von Fotoshootings an allen Tagen des Jahres ausgeübt.
Der meist entscheidende Faktor: Cosplays haben eine konkrete Vorlage, nach der sie angefertigt werden. Ein Faschingskostüm greift regelmäßig ein paar Klischees auf, um eine halbwegs erkennbare Darstellung eines Stereotyps zu ermöglichen. Das ist einer der zentralen Unterschiede, der bei manchen Faschingskostümen aber auch durchbrochen wird – historische Personen und manche Comicfigur existieren als etabliertes Faschingskostüm und sind in dieser Form nicht wirklich anders als Cosplay. In dem Moment, in dem eine konkrete einzelne Person, sei sie historisch oder fiktiv, in Kostümform nachgeahmt wird, kann man von Cosplay sprechen.
Theater, Reenactment und andere historische oder historisierende Kostümtrends sind der andere vielgenannte Abgrenzungspunkt zum Cosplay. Hier ist oftmals ein detailliertes Studium der (historischen) Kostümvorlagen erfolgt, das der Recherche eines Cosplayers in nichts nachsteht. Besonders der Zweck der Kostümierung ist aber ein anderer, denn das Kostüm ist Teil der Theaterkulisse und stützt die Atmosphäre für das Reenactment oder die Mittelaltermärkte. Kostümierung ist aber regelmäßig nicht der zentrale Fokus für den Tragenden, der stärker daran interessiert ist, die mit dem Kostüm verbundene Rolle darzustellen.
 
Abgrenzung innerhalb der Szene
Im Gegensatz zu anderen Hobbies, die ganz unabhängig vom Cosplay entstanden sind und auch eine eigenständige Art entwickelt haben, wann und wie Kostüme zu welchen Anlässen getragen werden, sind auch Abgrenzungsprobleme innerhalb der Cosplay-Szene bekannt. Wer kann hier nach welchen Kriterien entscheiden, was „noch“ Cosplay ist?
Mein Kleiderschrank reicht mir! Das sogenannte Kleiderschrank-Cosplay
Es muss nicht immer die Nähmaschine herausgeholt und zig Stunden an einem Kostüm gearbeitet werden. Einmal in den Schrank gegriffen, hat man gerade bei Serien, die in der Gegenwart spielen, schnell passende Kleidung für den Lieblingscharakter zusammen.
Aber ist das noch Cosplay?
Manche Serien zeigen die Charaktere in Alltagskleidung, und nicht wenige Cosplayer machen sich die Mühe, gerade diese Outfits originalgetreu nachzuahmen. Da man Cosplay gerade nicht daran festmachen kann, ob die Kleidung selbstgemacht ist oder „für den Charakter“ angefertigt wurde, ist diese Spielart ganz eindeutig Cosplay. Hier wird ein Charakter aus einer Vorlage originalgetreu umgesetzt, mehr kann man dem zentralen Grundgedanken nicht entsprechen.
Umstrittener sind „Casual Version“ Eigenkreationen: Man hat eine zum Charakter passende Perücke und sucht sich Alltagskleidung zusammen, ohne eine konkrete Vorlage zu haben.
Dabei gibt es immer schon eine große Bandbreite davon, wie viel Mühe und Aufwand Cosplayer bei diesen Versionen betreiben. Als Perücken erstmals besser und günstiger verfügbar waren, gab es eine erste Welle sehr durchwachsener Kostüme dieser Art. Damals entstanden auch die ersten Debatten rund um das Thema – gerade auf den Webseiten (allen voran in Deutschland seinerzeit Animexx) waren viele Leute eher genervt davon, schlecht zusammengewürfelte Alltagskleidung kombiniert mit irgendwelchen Perücken in der Cosplay-Sektion zu finden.
Allerdings ist Aufwand und Qualität als alleiniges Kriterium, ob ein Cosplay jetzt als Cosplay angesehen wird, kaum zielführend, wie bereits in der Abgrenzung zu Faschingskostümen erwähnt. Hilfreich ist die Außenperspektive: Wenn ein Betrachter das Kostüm als spezifisches Gesamtkonzept wahrnimmt, das nicht nur als „irgendwas mit bunten Haaren“ ankommt, ist schon einiges gewonnen. Wo die Kleidung dem Hintergrund und den Vorlieben des Charakters entspricht, also wirklich ein Konzept dahinter steht, werden sich auch andere Fans über die Umsetzung freuen. Aber auch selbst als Fan wird man oft zugeben müssen: Einfache Kombinationen aus T-Shirt und Jeans begeistern eher wenig. Detailreiche Fanart-Versionen hingegen sind bei Cosplayern wie Betrachtern höchst beliebt.
Der Wiedererkennungswert des Charakters ist für so ziemlich jeden Betrachter die Messlatte. Das schließt nicht aus, dass man auch mit stark entfremdeten Versionen eines Charakters Spaß haben kann. Nur kann man nie erwarten, dass ein zufälliger Betrachter den Charakter dann in jedem Fall erkennt und im Internet große Begeisterung ausbricht, wenn man gerade Bilder von diesem Charakter in den serientypischen Outfits gesucht hat. Wer aber für sich und die eigene Clique cosplayt, dem können diese Außenbetrachtungen letztlich egal sein. Für den eigenen Spaß ist nie entscheidend, ob jemand anderes das eigene Tun so oder so kategorisiert oder gutheißt.
 
Eigenkreationen – Ist das noch Cosplay?
Ein anderer, immer wieder aufkommender Zankapfel unter Betrachtern ebenso wie aktiven Cosplayern sind Eigenkreationen. Weit über die bereits genannten Casual Versionen bekannter Charaktere hinausgehend, sind damit vollständig eigene Charaktere gemeint.
Das Entwerfen eines eigenen Charakters ist für andere Verkleidungshobbies die Grundlage, insbesondere im LARP ist das Entwerfen des zu spielenden Charakters die zentrale Vorbereitungshandlung des Spielers. Das betrifft dabei auch immer ein Konzept des Aussehens und der Kleidung, denn Kleider machen Leute: ein Bettler trägt andere Kleidung als ein Fürst, die Anforderungen an ein Science Fiction-Setting sind andere als an ein LARP, das in der römischen Antike spielt.
In der Cosplay-Szene waren mit die ersten, die eigene Charaktere „als Cosplays“ trugen, auch Rollenspieler – allerdings ging das meist aus der Text-RPG-Szene hervor.
Viele Szenezugehörige spielen schon lange textbasierte Rollenspiele über Chatrooms, Foren und eigene Text-RPG-Systeme wie auf Animexx.de. Die hierfür konzipierten und ausgespielten Charaktere werden auch gecosplayt.
Auch aus dem Computer RPG-Bereich ist das Cosplayen der „eigenen“ Charaktere bekannt. In Videospielen, die die Erstellung eines eigenen Charakters ermöglichen (also insbesondere MMORPGs), wird als Vorlage der eigene Spielercharakter genommen und umgesetzt.
Ob und inwieweit all das als „Cosplay“ angesehen wird, daran scheiden sich die Geister. Während die Umsetzung der Computerspiele-Designs, die der Charakter-Generator ja sehr weitreichend vorgibt, wohl mehrheitlich als Cosplay angesehen wird, herrscht gerade bei RPG-Charakteren aus privaten RPGs große Uneinigkeit. Dabei kommt oft der Vorwurf, hier würde halt irgendeine Verkleidung erdacht, die mit Cosplay nichts zu tun habe. Denn regelmäßig verlangt Cosplay die Umsetzung einer Vorlage. Wenn ich die Vorlage aber selber erstelle, um dieses Kostüm dann auch zu tragen, wo ist da noch der Cosplay-spezifische Charakter, gerade weil man jederzeit die „Vorlage“ an die Umsetzung anpassen kann?
Für Cosplay-Fans, die Galerien nach dem Gesichtspunkt „Cosplay“ durchsuchen oder filtern, kommt zudem noch das frustrierende Erlebnis hinzu, dass sie ggf. eine Vielzahl vollkommen unbekannter Eigencharaktere finden und nicht die Umsetzungen von Charakteren, die sie eigentlich sehen wollen.
 
Regeln von Webseiten und Communities
Genau an diesem Punkt setzt dann auch oft die Regulierung seitens der Webseitenbetreiber ein. Oftmals fordert gerade der Betrachter einer Cosplay-Sektion, dass er dort die Bilder finden kann, die er sucht. Um eine entsprechende Zufriedenheit der Betrachter zu gewährleisten, wird daher von Seiten der Betreiber in ihren Regeln erläutert, „was Cosplay ist“ – oder was „als Cosplay freigeschaltet wird“, „als Cosplay zugeordnet“ werden darf oder „in der Cosplay-Sektion angezeigt werden darf“.
Um solche Regeln entstehen meist hitzige Debatten, denn sie schließen immer einige Inhalte aus. Gerade auf Animexx wurde mehrfach an diesen Regeln herumgeschraubt und diese Debatte dabei sehr öffentlich geführt. In der aktuellen Regelversion sind alle Arten von Kostümen als Cosplays zugelassen, wenn eine Vorlagenzeichnung oder Vorlagenbeschreibung mit eingereicht wird, und die Vorlage und das Kostüm übereinstimmen. Gleichzeitig hat Animexx aber auch schon vor Jahren Bereiche geschaffen, in denen LARP-Kostüme und japanische Streetfashion-Styles wie z.B. Lolita und Decora ohne diese Vorlagenpflicht hochgeladen und ausgestellt werden dürfen. Dennoch fühlen sich fortwährend Leute dadurch benachteiligt, dass ihre Bilder nicht im Cosplay-Bereich angezeigt werden.
Als Argument dafür, dass alle Arten von Kostümen einen Platz in der Cosplay-Sektion verdient hätten, wird oft eine sehr moderne „ich kann selber entscheiden, was für mich die Definition ist“-Argumentation herangezogen. Das hat natürlich einen reizvollen Klang. Ich darf in Zeiten, in denen auch Geschlechter geändert werden können, ja hoffentlich noch entscheiden, was für mich Cosplay ist!
Und das kann man natürlich tun. Das Problem an der ganzen Sache ist aber, dass man für sich selbst auch definieren kann, dass ein Huhn jetzt Hund heißt. Verstehen tut einen dann aber keiner, wenn man davon spricht, dass der Hund letzte Woche drei Eier gelegt hat, die sehr gut zum Frühstück geschmeckt haben.
Wer für sich selbst entscheidet, dass jedes der eigenen Kostüme ein Cosplay ist, kann nicht andere dazu zwingen, diese Definition zu übernehmen, denn die anderen Leute haben das exakt selbe Recht, für sich zu definieren, dass „Cosplay“ nur die Kostüme von Anime-, Manga- und Videospielcharakteren sind.
Der Webseitenbetreiber steht genau in der Mitte dieses Deutungskonflikts – er hat zunächst meist keine eigene Meinung zu dem Thema, beziehungsweise stellt sie zurück. Aber die Wünsche der Benutzer einer Plattform formen deren Regeln. Spricht sich eine Mehrheit der Benutzer dafür aus, dass sie bestimmte Inhalte nicht in einer bestimmten Sektion verortet sehen wollen, wird der Betreiber diesen Wünschen oft entsprechen – denn eine Plattform, die aus solchen Gründen ungern genutzt wird, verliert Benutzer, und das ist für den Betreiber selten ein wünschenswertes Ergebnis.
Wer selber im Reichweiten-Spiel der größtmöglichen Sichtbarkeit in den sozialen Medien mitspielen will, muss sich regelmäßig diesen Betrachterwünschen unterordnen. Oftmals wird es in Gruppen und Communities noch viel strenger geahndet, wenn gegen die Gruppenregeln bezüglich erlaubter Inhalte und Formate verstoßen wird. Und Gruppen, die sich durch wenig Regeln auszeichnen, fallen oft wegen der damit schnell einhergehenden Beliebigkeit der Inhalte in Ungnade.
 
Wettbewerbsregeln
Von der anderen Seite auf die Szene und ihr Selbstverständnis einwirkend, sind die Regeln von Cosplay-Wettbewerben. Viele Cosplayer dürften den Satz schon gehört oder selbst gesagt haben: „Das Cosplay muss jetzt nicht DCM-tauglich sein!“ Gemeint ist damit regelmäßig: Kleine Schlampereien bei der Genauigkeit der Umsetzung und der Nähtechnik werden hingenommen, weil die Ambition damit an der deutschen Cosplay-Meisterschaft teilzunehmen nicht vorhanden ist.
Die Regelwerke der Wettbewerbe prägen schon lange das Verständnis davon, was Cosplay ist. Auf vielen Anime-/Manga-Conventions galten jahrelang für die Wettbewerbe Begrenzungen für die Herkunft der Kostümvorlage. Nur Anime, Manga und japanische Videospiele waren zugelassen. Das wirkt bis heute nach – mancher Zuschauer, der sich schon länger nicht mehr intensiv mit der Szene beschäftigt hat, fragt dann beim DCM-Finale, warum denn plötzlich Tanz der Vampire-Kostüme zulässig sind. Mancher Besucher beschwert sich auch mal darüber, was Deadpool auf einer Anime-/Manga-Con verloren hat.
Gerade Großwettbewerbe, die mit Vorentscheiden im ganzen Land oder sogar international agieren, brauchen ein faires Regelwerk, um bei all der Vielfalt, die Cosplay bietet, trotzdem eine faire Beurteilung der Wettbewerbsteilnehmer zu ermöglichen. Dabei gibt es immer auch Regeln dazu, welche Cosplays überhaupt zugelassen sind. Oftmals werden Fanarts als Vorlagen ausgeschlossen, beim World Cosplay Summit sind im Finale sogar nur Franchises zugelassen, für die die Veranstalter Lizenzen in Japan bekommen – was nicht für alle Verlage und Produktionsstudios der Fall ist!
Die Regelwerke sind aber immer nur mit Blick auf den Wettbewerb geschrieben. Auch wenn manchen Wettbewerbs-Organisatoren die Ausstrahlungswirkung ihrer Regelwerke durchaus willkommen ist, so will niemand dort eine Aussage darüber treffen, wie „richtiges“ Cosplay funktioniert oder auszusehen hat. Es geht darum nach den gegebenen Kriterien eine Vergleichbarkeit herzustellen. Und gerade in der heutigen Cosplaylandschaft gibt es eine variantenreiche Fülle von Wettbewerben, sodass man sich durchaus einen suchen kann, der dem eigenen Verständnis nahe kommt, sofern man sich überhaupt mit Cosplay im Wettbewerb befassen möchte.
Außerhalb davon können Maßstäbe aus Wettbewerben natürlich auch für andere Cosplayer zu einer erstrebenswerten Messlatte werden. Doch auch hier gilt: Niemand muss sich diesen Maßstäben unterwerfen. Die Cosplay-Polizei, die alle, die nicht ordentlich genäht haben, von der Con schmeißt, hat noch nie irgendjemand gefordert.
So bleibt es letztlich dabei, dass es für einen selber sehr offen ist, was man als Cosplay ansehen möchte. Nur inwieweit andere den eigenen Maßstäben zustimmen, ist und bleibt eine freie Entscheidung des Einzelnen. Daher werden auch weiterhin sehr unterschiedliche Verständnisse von „Cosplay“ nebeneinander existieren und ab und zu aufeinanderprallen. Um sich und andere nicht wahnsinnig zu machen, hilft da nur das Motto: Leben und leben lassen.
Artikelbild: Teilzeithelden

Quelle: www.teilzeithelden.de Ist das noch Cosplay? Von Eigenkreationen und Kleiderschrank-Cosplays